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08.06.2021 - Das Wohl des Kindes fest im Blick: Die Psychologische Beratungsstelle


Wer Fragen zur Erziehung hat, nach Lösungen bei Konflikten in der Familie sucht oder Tipps benötigt, wie die Kinder bei einer Trennung der Eltern Unterstützung erfahren, erhält in der Psychologischen Beratungsstelle in der Unsöldstraße, einem Angebot des Erziehungshilfezentrums Adelgundenheim, kompetente Hilfe. 

Neben der klassischen Erziehungsberatung ist das multiprofessionelle Team der KJF-Beratungsstelle auch therapeutisch tätig, wie etwa bei Entwicklungsstörungen von Kindern oder psychischer Erkrankung eines Elternteils. Foto: Adelgundenheim/KJF
 
"Schön, dass Sie da sind!" Wer die Psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Familien in der Unsöldstraße betritt, wird von der Assistentin freundlich empfangen. Ratsuchende sollen sich wohlfühlen und den Eindruck gewinnen, hier ganz offen über ihre Sorgen und Probleme sprechen zu können.

Von der U-Bahnhaltestelle Lehel sind es nur wenige hundert Meter zur Unsöldstraße 15 im schönen Münchner Stadtteil Lehel. Viele KlientInnen kommen auf Empfehlung. Wie bei Ärzten haben sie auch bei Beratungsstellen das Wunsch- und Wahlrecht. "Zu uns kommen Eltern, Jugendliche und Kinder aus allen Stadtteilen und sogar aus anderen Landkreisen. Grund dafür ist neben unserem multiprofessionellen Team auch die Traumlage unserer Räumlichkeiten", sagt Petra Reuter-Niebauer, seit 14 Jahren Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle. 

Unterschiedliche Fachrichtungen vereint

Was multiprofessionell bedeutet, zeigt die Ausbildung der zehn Fachkräfte: In der Psychologischen Beratungsstelle in Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge München (KJF) arbeiten PsychologInnen, SozialpädagogInnen und HeilpädagogInnen Hand in Hand. Jeder bringt seine Expertise ein und trägt bei Teambesprechungen dazu bei, neue Blickwinkel auf einzelne Fälle zu eröffnen. "Das kommt den KlientInnen sehr zugute und zeichnet uns als Beratungsstelle aus", sagt Reuter-Niebauer. In der wöchentlichen Teamsitzung werden neben aktuellen Fällen auch Neuanmeldungen vorgestellt. Welcher Fall ist akut und muss vorgezogen werden? Welches Teammitglied übernimmt die jeweilige Beratung?
 

Ratsuchende können in der Unsöldstraße offen über ihre Sorgen und Probleme sprechen. Foto: Angelika Slagman/KJF
 

Petra Reuter-Niebauer leitet seit 14 Jahren die Psychologische Beratungsstelle der KJF. Foto: Angelika Slagman/KJF
 
"Mein Kind ist mit vier Jahren noch nicht sauber. Was soll ich tun?" "Die schulischen Leistungen meines Sohnes werden immer schlechter. Wie kann ich ihn zum Lernen motivieren?" "Wir trennen uns und können uns nicht einigen, welche Wochenenden unsere Kinder bei welchem Elternteil verbringen. Wie lösen wir das Problem?" Dies sind nur einige der gängigsten Fragen und Probleme, mit denen Väter und Mütter in die Unsöldstraße kommen, wobei der Anteil der Mütter, die den Kontakt zur Beratungsstelle suchen, deutlich höher ist.

Therapeutische Hilfe

Das Fachpersonal muss bei allen Fällen stets im Blick haben, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Im Zentrum aller Problembehandlungen steht das Wohl des Kindes. Voraussetzung hierfür sind die Stabilisierung der Eltern und ein funktionierender Familienverbund. Das Wohlergehen des Kindes hängt davon ab, ob es allen Familienmitgliedern gut geht. Daher wird stets das Kind als Klient angemeldet, auch wenn beispielsweise die einzelne Beratung auf therapeutische Unterstützung der Mutter oder des Vaters abzielt, die etwa an einer psychischen Erkrankung leiden. In der Psychologischen Beratungsstelle sind die Fachkräfte nicht nur in beratender Funktion tätig, sondern auch in therapeutischer.

Im vergangenen Jahr beriet das Team in der Unsöldstraße rund 350 Familien und gab in ganz unterschiedlichen Problemlagen Rat und Unterstützung. Auch im Jahr 2020, das von Corona überschattet war, fanden ähnlich viele Beratungen statt - aufgrund zeitweiser Kontaktbeschränkungen und Hygienevorgaben allerdings ausschließlich telefonisch oder via Videokonferenz. Ein Umstand, den auch das Team überraschte. 
 

Damit ein Familiensystem funktioniert, muss es allen Mitgliedern gut gehen. Im persönlichen Gespräch erfährt die Fachkraft, welche Probleme und Konflikte Eltern und deren Kinder belasten und zeigt Lösungswege auf. Foto: Adelgundenheim/KJF
 
In etwa der Hälfte der Fälle melden sich die Familien eigenständig bei der Beratungsstelle. Oft findet der Erstkontakt über das Telefon statt. In den anderen Fällen werden die KlientInnen vom Kindergarten, der Schule, dem Jugendamt oder dem Familiengericht dazu motiviert oder aufgefordert, die Beratungsstelle aufzusuchen. "Das reicht von einer Empfehlung bis zu einer Überweisung und wir müssen den Besuch oder auch das Nichterscheinen der KlientInnen für das Gericht oder Jugendamt dokumentieren", sagt Diplompsychologin Reuter-Niebauer. Dies ist oft der Fall, wenn sich beispielsweise Eltern nach einer Trennung nicht einig werden über Umgangsregelungen, oder auch wenn es um Kindeswohlgefährdung geht, wenn etwa ein Elternteil das Verhalten des Kindes körperlich bestraft.

Kostenlos und anonym

Die Intention des Fachpersonals ist es, die Hemmschwelle für einen Besuch möglichst niedrig zu halten. Die Beratung ist kostenlos, kann auf Wunsch anonym stattfinden und richtet sich an Menschen unabhängig ihrer Konfession. Weltanschauung, Nationalität und Familienform. Oft findet auch ein erster Kontakt mit einem Teammitglied der Erziehungsberatungsstelle in einer Krippe desselben Bezirkes statt. Denn einzelne PsychologInnen der Psychologischen Beratungsstelle gehen neben ihrer beratenden Tätigkeit in der Unsöldstraße mehrere Stunden im Monat in Kindertageseinrichtungen im jeweiligen Stadtbezirk und bieten dort ihre Expertise an. Seit wenigen Monaten führt das Team auf Initiative des Stadtjugendamts auch an benachbarten Grundschulen Beratungen durch, an denen keine Schulsozialarbeit stattfindet – und schließt durch das niederschwellige Angebot vor Ort eine weitere Lücke.

Begleitung in allen Lebensphasen

Das Team der Psychologischen Beratungsstelle begleitet Familien oft über Jahre. "Eltern kommen erneut, wenn es die Situation erfordert. Problemlagen hängen eng mit den unterschiedlichen Entwicklungsphasen ihrer Kinder zusammen", sagt Reuter-Niebauer. Beißen in der Krippe, fehlender Anschluss an gleichaltrige in der Mittelschule, häufige Konflikte in der Pubertät - das konkrete Beispiel einer Mutter, die dreimal binnen zwölf Jahren in die Beratungsstelle kam, zeigt, wie groß das Vertrauen in das Team ist und wie wirkungsvoll die Lösungsansätze für die Eltern sind. Wem einmal geholfen wurde, der fühlt sich mit der Beratungsstelle verbunden und kommt eventuell auch bei gravierenderen Fällen wieder, überwindet das eigene Schamgefühl und kann sich im vertrauten Raum öffnen, so die Theorie.
 

Fachliche Einschätzung: Im Gespräch erfahren die Experten viel über die jeweilige Familiensituation und vermitteln den Eltern unterschiedliche Methoden der Konfliktbewältigung. Foto: Adelgundenheim/KJF
 
 Bei der Arbeit Empathie zeigen 

Das Klientel, das in der Unsöldstraße Rat und Unterstützung sucht, ist bunt gemischt. Aufgrund der Lage der Beratungsstelle im Bezirk Altstadt-Lehel ist der Anteil an mittelständischen und akademischen Familien groß. Die Probleme sind deshalb aber nicht weniger gravierend. "Wir führen oft Trennungs- und Scheidungsberatungen durch und sehen bei erbitterten Streitereien gerade das seelische Wohl des Kindes gefährdet ", sagt Reuter-Niebauer und fügt hinzu: "Bei unserer Arbeit ist es wichtig, Empathie zu zeigen, auch wenn wir das Handeln einer Person wie etwa beim berüchtigten Klapps auf den Hintern, als negativ bewerten und dies auch verbalisieren müssen. Gemeinsam mit dem Elternteil erarbeiten wir dann andere Methoden der Konfliktbewältigung, was oft seine Zeit braucht." 

Wie alle anderen Erziehungsberatungsstellen in München, ist auch die Psychologische Beratungsstelle der KJF pauschal finanziert. Ausschlaggebend ist also nicht die jährliche Fallzahl. "Das ist ein großer Vorteil, denn so können wir intensiver auf die Bedarfe der Familien blicken, müssen sie nicht bei uns halten, sondern können sie auch weitervermitteln. Wir Erziehungsberatungsstellen sind sehr gut miteinander vernetzt und helfen uns gegenseitig", so die Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle. 

Zuschüsse erhält sie von der Stadt München, der Regierung von Oberbayern und dem Landkreis München. Daneben muss die KJF einen erheblichen Teil der Kosten selbst finanzieren. Regelmäßig möchten Eltern oder Paare sich für die erhaltenen Hilfen mit einer Spende bedanken. 

Große Verantwortung

Die Bewertung einzelner Problemlagen und die damit einhergehende Verantwortung seitens des Fachpersonals ist bei der familientherapeutischen Arbeit oft die größte Herausforderung. Die Beraterin oder der Berater muss fallweise abwägen, ob seine ambulante Hilfe ausreichend ist, oder ob eine Klientin oder ein Klient sich oder anderen Schaden zufügen könnte und eine stationäre Behandlung nötig ist. "Die Eltern, die zu uns kommen, haben mit dem Jugendamt oft gar nichts zu tun. Wir müssen von uns aus alleine eine fachliche Einschätzung geben. Deshalb ist in einer Erziehungsberatungsstelle die psychiatrische Kompetenz so wie wir sie bieten, von enormer Bedeutung", erklärt Reuter-Niebauer. Entschließt sich die Fachkraft, einen Fall zum Schutz des Kindes dem Jugendamt zu melden, geschieht dies im besten Fall einvernehmlich mit den Eltern. "Dieses Szenario ist aber sehr selten", so die Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle. 
 

Es wird eng: In Kürze zieht die Bratungsstelle in neue, großzügigere Räume - pünktlich zum 60-jährigen Jubiläum. Foto: Angelika Slagman/KJF
 
Erfolgreiche Beratung seit 60 Jahren

Mittlerweile wird es eng in der Unsöldstraße 15. Es gibt nicht genug Räume für alle MitarbeiterInnen. Außerdem fehlen ein großer Besprechungs- und Gruppenraum. "Gerade sind wir auf der Suche nach größeren Räumlichkeiten", sagt Petra Reuter-Niebauer. Aufgrund der regionalen Zuordnung der einzelnen Beratungsstellen, beschränkt sich die Suche auf den Stadtbezirk 13, der Lehel, Bogenhausen, Zaumdorf, Daglfing, Johanneskirchen und Oberföhring umfasst. Gute Erreichbarkeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, Barrierefreiheit, Miethöhe - die Kriterien machen die Suche nicht einfach. Doch die Leiterin ist zuversichtlich, dass die Psychologische Beratungsstelle bald ein neues Zuhause finden wird. 

Am Besten noch dieses Jahr, dann könnte in den neuen Räumlichkeiten gleich das große Jubiläum gefeiert werden. Denn 2022 wird die Psychologische Beratungsstelle unter der Trägerschaft der KJF München ihr 60-jähriges Jubiläum feiern. 

Text: Angelika Slagman, Leitung Stabstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
 

Welche Auswirkungen und Folgen die Corona-Pandemie auf die Arbeit der ExpertInnen der Psychologischen Beratungsstelle haben, lesen Sie hier: Neue Wege in der Krise