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25.05.2021 - Die Psychologische Beratungsstelle findet neue Wege in der Pandemie



Die große Stille: Während der Lockdowns konnten keine persönlichen Gespräche in der Psychologischen Beratungsstelle stattfinden. Fotos: Adelgundenheim/KJF
Not macht erfinderisch! Als das Schreiben auf dem Tisch lag, dass das Team der Psychologischen Beratungsstelle keine Beratungen vor Ort mehr durchführen durfte, reagierten die Fachkräfte schnell und zeigten sich experimentierfreudig. Ihr Engagement zahlte sich aus: Auch am Telefon und über Video konnten sie während der Pandemie zahlreiche Familien, Paare, Eltern und Jugendliche unterstützen und individuelle Lösungen für Probleme aufzeigen. 

„Ich freue mich, dass ich ein so tolles, engagiertes Team habe, das sich für Familien derart verantwortlich fühlt!“, sagt Petra Reuter-Niebauer, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle in der Unsöldstraße. Foto: privat
 
Mitte März 2020 ging auch in der Psychologischen Beratungsstelle in der Unsöldstraße nichts mehr. „Wir erhielten ein Schreiben des Stadtjugendamtes, dass wir vor Ort keine persönlichen Beratungen mehr durchführen dürften“, sagt Petra Reuter-Niebauer, Diplompsychologin und Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Katholischen Jugendfürsorge München (KJF). Von einem Tag auf den anderen mussten sie und ihr 10-köpfiges Team die Arbeit komplett umstellen – von persönlichen Beratungsgesprächen auf Telefonberatung. 

Doch schon bald zeigte sich ein großes Problem: „Das Telefonnetz ist zusammengebrochen, als drei KollegInnen zeitgleich telefonierten. Zudem hatten wir zu wenige Mobilgeräte“, erzählt Reuter-Niebauer. Die MitarbeiterInnen benötigten auch neue Computer, um im Home Office arbeiten zu können. „Binnen Tagen den technischen Rahmen für unsere Arbeit zu schaffen, hat mich am meisten Kraft gekostet“, gesteht Reuter-Niebauer.
Technische Hürden taten der Kreativität und dem Engagement des Teams jedoch keinen Abbruch. Das Credo der KJF-Mitarbeitenden in Corona-Zeiten lautete: schnelle, unkomplizierte, kostenfreie Hilfe anbieten. Und so erwuchs in der Psychologischen Beratungsstelle, zuständig für die Stadtteile Altstadt-Lehel und Bogenhausen die Idee, für Familien ein Krisentelefon einzurichten - im Bewusstsein darüber, dass Eltern im Lockdown mit Home Schooling, geschlossenen Kindergärten und möglicher Kurzarbeit immensen Belastungen ausgesetzt waren. Kurzerhand wurden zwei Prepaid-Handys zu einer Hotline umfunktioniert, unter der sich Familien melden konnten, um Fragen zu stellen und Nöte zu äußern. Doch die Telefone blieben stumm. 

„Uns hat sehr überrascht, dass das Angebot kaum angenommen wurde. Wenn das Telefon klingelte, meldeten sich Klientinnen oder Klienten mit ganz klassischen Erziehungsfragen, die sich nicht aus der Ausnahmesituation ergeben hatten“, so Reuter-Niebauer.

Von der Krise vereinnahmt: Das Familientelefon der Beratungsstelle stand oft still. Eltern hatten keine Zeit, ihre Situation zu reflektieren und zum Hörer zu greifen. 
 
Was also tun? Wieder zu den Telefonen greifen! Das multiprofessionelle Team, darunter PsychologInnen, SozialpädagogInnen und HeilpädagogInnen, rief alle Familien an, die bereits einmal in Beratung in der Unsöldstraße waren. Ziel der zeitintensiven Aktion war es, nachzufragen, wie es den Familien geht, zu zeigen, dass die Beratungsstelle für Fragen und Tipps zur Verfügung steht und auch in Corona-Zeiten ihre Dienste nicht eingestellt hat. Die Reaktion war durchweg positiv. „Viele Familien waren gerührt von unserer Fürsorge. Es zeigte sich allerdings im Gespräch, dass die Eltern nie von sich aus bei uns angerufen hätten. Sie dachten sich vielmehr ‚Was soll ich denn jammern, es geht doch gerade allen so‘“, berichtet Reuter-Niebauer.

Aus den Gesprächen schloss das Team, warum auch das Krisentelefon, das später in Familientelefon umbenannt wurde, kaum Akzeptanz fand. Die Familien waren während des Lockdowns zu eingenommen vom Alltag, der sie zu überrollen schien: Haushalt, Beschulung, Kinderbetreuung, Arbeit – es fehlte schlicht an Zeit, um zum Hörer zu greifen und die eigene Situation zu reflektieren. Und wie soll man ungestört am Telefon über seine Ängste und Sorgen sprechen, wenn einem zwei tobende Kinder um die Beine wuseln – und alles mithören, was am Telefon gesprochen wird.

Neue Wege, neue Chancen

Dann kamen erste Lockerungen. Im Mai 2020 durften wieder Face-to-Face-Beratungen stattfinden – unter Einhaltung von Abstandregeln und eines Hygiene- und Schutzkonzeptes. Aufgrund der räumlichen Enge waren aber Beratungen von mehreren Personen nicht möglich. 
Wieder musste das Team andere, neue Wege gehen. „Wir haben relativ schnell mit Videoberatung begonnen“, sagt Reuter-Niebauer. Auch dieser Beratungsweg führte in keine Sackgasse – im Gegenteil. 
 

Das multiprofessionelle Team in der Unsöldstraße besteht aus 10 MitarbeiterInnen. Die Beratung ist kostenfrei und richtet sich an Eltern, Alleinerziehnde, Familien, Paare, Jugendliche und Fachkräfte. 
 
Weniger Stress durch Videoberatung

„Wir haben schnell gemerkt, dass dieses Medium den Beratenden im Bereich Trennung und Scheidung sehr zugute kommt. Die Eltern haben per Videoschalte nicht den Stress, die physische Nähe des anderen zu spüren. Dadurch sind die Beratungen zielführender, und man kann gemeinsam rascher Lösungen hinsichtlich der Umgangsregelungen mit den Kindern finden“, sagt Reuter-Niebauer und fügt hinzu: „Wir überlegen deshalb, die Videoberatung in diesen Fällen über Corona hinaus anzubieten.“ 

In den vergangenen Monaten wich das Misstrauen der Berater*innen gegenüber Telefon- und Videoberatungen. Ängste, man könne nicht auf die Klienten eingehen, wenn man ihnen nicht gegenübersäße, wichen der Feststellung, dass eine telefonische Beratung oder Beratung via Video bei gewissen Fallkonstellationen hilfreich sein kann. Zudem spielt es bei Videoberatungen keine Rolle, wo sich ein Elternteil gerade befindet, ob in München oder Hamburg – ein klarer Vorteil bei getrennt lebenden Paaren.

Inzwischen fährt die Psychologische Beratungsstelle dreigleisig. „Dank Corona bieten wir nun Video-, Telefon- und persönliche Beratung an. Wir machen auch vereinzelt Hausbesuche, damit die Klienten sich schützen können und nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu uns fahren müssen. Trotzdem versuchen wir weiterhin, den persönlichen Kontakt auf das Nötigste zu beschränken. Das klappt eigentlich sehr gut“, sagt Reuter-Niebauer.

Dass sich Offenheit, Flexibilität und Spontaneität gerade in Krisen auszahlt, zeigt der Blick auf die Fallzahlen; in der Psychologischen Beratungsstelle der KJF wurden mehr Fälle bearbeitet als 2019 – trotz Corona und eingeschränkter persönlicher Beratungsmöglichkeiten. Und es werden deutlich mehr Fälle werden, da ist sich Petra Reuter-Niebauer sicher. Bisher seien Themen von Eltern und Jugendlichen angesprochen worden, die nicht unmittelbar mit Corona in Zusammenhang standen. „Auf uns Fachkräfte kamen keine neuen Herausforderungen zu. Es ging 2020 auch im Kern stets darum, Tipps zu geben, wie man Konflikte anspricht oder löst. Das war auch für uns verwunderlich“.
 

Vermehrte Hilfesuche: Die Corona-Krise wird bei Familien Spuren hinterlassen. Das Team der Beratungsstelle stellt sich auf viele Beratungen in den kommenden Monaten ein. 
 
Spürbare Langzeitfolgen

Was Corona mit der seelischen Verfassung der Menschen macht, darüber gibt es noch keine validen Studien. „Das Reflektieren kommt später. Bisher versuchen alle zu funktionieren und sind zu eingenommen vom Alltag“, glaubt Reuter-Niebauer. 

Ihre These: Corona wird erst in den nächsten Jahren in der Beratung stattfinden. „Es werden Menschen zu uns kommen mit Erschöpfungssymptomen, Menschen, die depressive Züge entwickelt haben, Eltern in Sorge, weil ihre Kinder den Anschluss in der Schule verloren haben“, so Reuter-Niebauer. „Wir müssen in Zukunft in den Beratungen im Blick haben, welche Spuren die Corona-Zeit bei den Menschen hinterlassen hat, was sie ihnen abverlangt hat. Für uns Fachkräfte sehe ich es als Auftrag, uns auf diese Problematiken in den kommenden Jahren vorzubereiten.“

Text: Angelika Slagman, Leitung Stabstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
 


 
Die Psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche

Wer im Gespräch mit einem kompetenten Dritten nach Antworten und Lösungen bei Fragen oder Problemen in der Familie sucht, findet bei der Psychologischen Beratungsstelle in der Unsöldstraße im Lehel Unterstützung. Das multiprofessionelle Team, bestehend aus SozialpädagogInnen, PsychologInnen und HeilpädagogInnen berät Menschen aller Konfessionen, Weltanschauungen, Nationalitäten und Familienformen. Das Angebot ist kostenfrei und richtet sich an Eltern, Alleinerziehende, Familien. Paare, Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Fachkräfte. Die Beratung kann auf Wunsch anonym geschehen. Im vergangenen Jahr suchten rund 350 Familien Unterstützung und Rat in ihren jeweiligen Problemlagen und Fragestellungen. Die Themen und Anlässe waren dabei sehr vielfältig und reichten von „klassischen“ Erziehungsfragen über eine Beratung bei Trennung oder Scheidung und Ausübung des Umgangsrechtes bis hin zu Hilfe für junge Volljährige. Die Psychologische Beratungsstelle erhält Zuschüsse von der Landeshauptstadt München, dem Landkreis München, und der Regierung von Oberbayern. 
2022 feiert die Einrichtung in Trägerschaft der KJF ihr 60-jähriges Bestehen.