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06.10.2026 - AEH im Salberghaus: „Wir holen die Familien da ab, wo sie stehen“


Alltagsprobleme – die gibt es für Familien zuhauf. Doch nicht immer können sie allein bewältigt werden. Vor allem dann nicht, wenn das Familiensystem durch andere Faktoren schon stark gefordert ist. Unterstützung gibt es in solchen Fällen vom Team „Ambulante Erziehungshilfen Kinder und Jugendliche“ des Salberghauses in Putzbrunn. Wie sich die Zusammenarbeit mit den Familien gestaltet, erklärt die stellvertretende Bereichsleiterin der Pädagogischen Familienhilfe Cornelia Eberle.

Wenn Familien nicht mehr weiterwissen, hilft das AEH-Team, neue Wege zu finden.
Foto: Melanie Stander/Unsplash
Die Ambulanten Erziehungshilfen (AEH) für Kinder und Jugendliche decken eine Fülle an Aufgaben ab. Was ist das gemeinsame Hauptziel?
Der große Unterschied zum stationären oder teil-stationären Bereich ist, dass die AEH in erster Linie eine beratende Funktion haben – als Hilfe zur Selbsthilfe für die Eltern. Bei den Erziehungsbeistandschaften als Teil der AEH liegt der Fokus stärker auf dem Kind oder dem Jugendlichen. Das heißt, es wird direkt mit dem Kind oder dem Jugendlichen gearbeitet. Aber in der Regel haben wir eine beratende Unterstützungsfunktion für die Eltern beziehungsweise für das gesamte System.

Gibt es bestimmte Schwerpunkte, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben?
Was sich im Vergleich zu früher geändert hat, sind die Hintergründe der Familien. Ursprünglich waren die AEH einmal für Familien gedacht, die einfach Unterstützung in Erziehungsfragen benötigten. Jetzt haben wir zum großen Teil Familien, die über diese erzieherische Beratung hinaus einen völlig anderen Unterstützungsbedarf haben. Wir haben psychisch kranke Eltern. Wir haben Familien mit Migrationshintergrund und geflüchtete Familien, wo es viel um Sprachbarrieren und Bürokratie geht.

Das ist die Seite der Eltern. Aber auch bei den Kindern haben wir mehr Kinder mit ADHS, mit Autismus-Spektrum-Störungen. Da stellen sich jetzt ganz andere Fragen.

Vor welche Herausforderungen sind die Familien vor allem gestellt?
Jede Familie ist anders und hat somit andere Herausforderungen zu meistern. Bei geflüchteten Familien geht es neben den pädagogischen Themen viel um Integration. Es gibt keinen Wohnraum, die Bürokratie ist extrem herausfordernd.

Wenn in einer Familie ein Kind mit einer Autismus-Spektrum-Störung lebt, müssen wir schauen, wie für alle ein guter Weg gefunden wird. Denn die Störung geht ja nicht weg, das ist keine Frage der Erziehung.

Eine generelle Herausforderung für alle Familien ist jedoch, dass die Netzwerke und Unterstützungsangebote zu überlastet sind. Kinder müssen mittlerweile ein Jahr lang auf einen Therapieplatz warten. Das ist sehr herausfordernd.

Sie suchen die Familien in deren eigenem häuslichen Umfeld auf. Warum ist das wichtig?
Weil wir nur dort sehen, wie die Familie lebt, wie sie miteinander umgeht und ihren Alltag gestaltet. Wir wollen die Familien da abholen, wo sie stehen – und das geht zu Hause am besten. Das ist für unseren Beratungsprozess ganz wichtig. Für die meisten Familien wäre es zudem schwierig, mit der gesamten Familie jede Woche ein- oder zweimal eine externe Stelle aufzusuchen.

Bedenken ausräumen und Vertrauen aufbauen


Wie nehmen die Familien Ihre Hilfe an?
Manche sind anfangs skeptisch, weil sie Angst haben, dass ihnen ihr Kind weggenommen werden könnte oder generell dass da jetzt jemand von außen kommt und über sie urteilt. Diese Bedenken können in der Regel aber schnell ausgeräumt werden, indem man Vertrauen aufbaut und noch einmal erklärt, wie das System funktioniert. Bei Familien, die in Deutschland sozialisiert und aufgewachsen sind, geht es oft etwas leichter, weil sie das System kennen. Da sind viele dankbar, dass sie die Hilfe erhalten. Aber es gibt natürlich auch Familien, wo es etwas schwieriger ist – gerade dann, wenn die Hilfe vom Jugendamt angeordnet wird.

Wie die Hilfe angenommen wird, hängt auch von den individuellen Themen ab. Wenn es darum geht, dass ein Kind in der Schule Probleme hat, lassen sich die Eltern gerne helfen. Wenn es Themen sind, bei denen die Eltern mehr involviert sind und etwas an ihrem eigenen Verhalten ändern müssen, wird es komplizierter.

Und bei den Kindern und Jugendlichen?
Da hängt es stark vom Alter ab. Die kleinen Kinder freuen sich am meisten. Für sie ist da einfach eine zusätzliche Person, die mit ihnen spielt und etwas Schönes mit ihnen macht. Bei den Jugendlichen ab etwa 15 Jahren geht es meistens auch gut. Sie verstehen schon, warum jemand da ist, und haben vielleicht sogar eigene Ziele, an denen wir mit ihnen arbeiten können.

Schwierig ist manchmal das Alter zwischen 11 und 13 Jahren. Da haben die Jugendlichen oft keine Lust und man muss gut schauen, ob man etwas findet, woran sie Spaß haben. Aber das ist individuell sehr verschieden und hängt einfach von den einzelnen Kindern und Jugendlichen ab.

Entscheidend ist immer, ob die Eltern mitziehen oder nicht, denn das überträgt sich auf die Kinder.

Welche Faktoren müssen generell gegeben sein, damit die Ambulanten Erziehungshilfen erfolgreich sein können?
Das ist gar keine leichte Frage. Die Grundlage, um erfolgreich arbeiten zu können, ist ein klarer Auftrag. Was ist das gemeinsame Ziel? Die Eltern müssen klar formulieren, wo sie Unterstützung brauchen, bzw. das Jugendamt muss genau vorgeben, was unser Auftrag ist. Und dann braucht es eine Veränderungsbereitschaft bei allen Beteiligten.

Wie lange begleiten Sie in der Regel eine Familie?
Normalerweise ist die Hilfe erst einmal für eineinhalb bis zwei Jahre bewilligt. Danach wird es manchmal noch verlängert, sodass wir die Familien oft etwa drei Jahre lang begleiten. Das hängt auch von den Umständen ab. Wenn die Familie noch einmal ein Kind bekommt, die Wohnung verliert oder etwas anderes Unvorhergesehenes passiert, macht es Sinn, dass wir noch länger in der Familie bleiben.

Und wann merken Sie, dass die Familien ihren Weg wieder allein gehen können?
Wenn die Ziele erreicht sind, wenn die Eltern viel mitnehmen konnten und einiges gelernt haben und wenn die Kinder gut angebunden sind. Das bedeutet: Wir haben gemeinsam einen Kindergartenplatz, einen Platz in einer Heilpädagogischen Tagesstätte, die richtige Schule, einen Therapieplatz gefunden. Die Eltern wissen, an wen sie sich wenden können, wenn noch Hilfe benötigt wird. Der Alltag funktioniert einigermaßen – nicht perfekt, da muss man die Erwartungen anpassen, aber so, dass es gut läuft. Dann ist es Zeit, dass die Familien wieder allein ihren Weg gehen.

Interview: Nicole Stroth/KJF