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03.07.2026 - Zwischen „Ibasho“ und Leistungsdruck: Fachliche Entdeckungen in Japan


Die Redewendung stimmt: Der berühmte Blick über den Tellerrand erweitert den eigenen Horizont und fördert den kulturellen Austausch. Dies durfte Dörthe Friess, pädagogische Leiterin des Lichtblicks Hasenbergl, bei einer Studienfahrt nach Japan vollumfänglich erfahren. In einer persönlichen Rückschau lässt sie uns an ihren Erlebnissen teilhaben.

Gelöste Stimmung bei der deutsch-japanischen Delegation.
Vom 24. Mai bis zum 7. Juni 2026 nahm ich an der deutsch-japanischen Studienfahrt der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB) nach Tokio und Kumamoto teil. Unter dem Thema „Gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft und Empowerment aller jungen Menschen“ erhielten wir in einem intensiven Programm Einblicke in die Sozial- und Bildungsarbeit in Japan.

Während der zwei Wochen besuchten wir viele Einrichtungen der Sozial- und Bildungsarbeit, führten Gespräche mit Fachkräften sowie Kindern und Jugendlichen und erhielten in Vorträgen interessante Hintergrundinformationen. Dabei wurde deutlich, wie stark historische Entwicklungen, kulturelle Prägungen und demografische Veränderungen die gesellschaftlichen Strukturen und Hilfesysteme eines Landes beeinflussen.

Von Beginn an fühlte ich mich in Japan sehr wohl und sicher. Die Straßen sind sauber, das Essen unglaublich lecker und der Nah- und Fernverkehr beeindruckend pünktlich – selbst in der riesigen Metropole Tokio. Besonders beeindruckt hat mich die von Rücksichtnahme geprägte Haltung vieler Menschen und ein Verhalten, das erkennbar darauf ausgerichtet ist, das Wohlbefinden aller zu fördern. Die Atmosphäre tat uns allen sehr gut. Während der gesamten Studienfahrt wurden wir zudem von der deutschen und der japanischen Delegationsleitung sowie einer Übersetzerin hervorragend begleitet und unterstützt.

Sich wohlfühlen, angenommen werden und Zugehörigkeit erleben

Vor dem Hintergrund meiner Tätigkeit in Deutschland interessierte mich besonders der Umgang mit Armut und mit hochbelasteten Kindern und Jugendlichen. Eindrucksvoll war für mich das japanische Konzept des „Ibasho“ – eines Ortes, an dem Menschen sich wohlfühlen, angenommen sind und Zugehörigkeit erleben. Was als Ibasho empfunden wird, bestimmen die Menschen selbst. Für junge Menschen, die sich über Monate oder Jahre aus der Gesellschaft zurückziehen und als „Hikikomori“ bezeichnet werden, werden gezielt Angebote geschaffen, die zu einem solchen Ort werden können.

Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist der „Kindertraumpark“ in Kawasaki. Die Einrichtung ähnelt einem großen Abenteuerspielplatz und bietet unter anderem offene Feuerstellen, Werkstätten, Sport- und Bewegungsangebote sowie Rückzugsräume. Für hochbelastete Kinder und Jugendliche, die von Schule und Lehrkräften nicht mehr erreicht werden, kann er eine schulersetzende Funktion übernehmen. Bemerkenswert ist dabei der konsequente Verzicht auf Druck und Sanktionen. So gelingt es, junge Menschen aus der Isolation zu holen und neue Lebens- und Bildungsperspektiven zu eröffnen.

Den Ansatz fand ich umso spannender vor dem Hintergrund eines Schulsystems, das nach meinem Eindruck von hohem Leistungsdruck geprägt ist. Aufnahmeprüfungen, lange Schultage und zusätzliche Nachhilfe in den Abendstunden stellen für viele Familien eine erhebliche Belastung dar.

Konzeptvorstellung des Kindertraumparks in Kawasaki.
 

Über Sprachgrenzen hinweg voneinander lernen.
 

Japanischer Alltag in der Gastfamilie.
Ein weiterer Programmpunkt war ein Gastfamilienaufenthalt, den ich über das Wochenende bei einer Familie in Kumamoto verbrachte. Die Gespräche mit den Eltern, das gemeinsame Spielen mit den Kindern und die Ausflüge auf der Insel Kyushu ermöglichten einen sehr persönlichen Einblick in den japanischen Alltag.

Den Abschluss der Studienfahrt bildeten zwei Fachtage mit japanischen Fachkräften, die im vergangenen Jahr Deutschland besucht hatten. Nach der Präsentation unserer Ergebnisse diskutierten wir gemeinsam aktuelle Fachthemen aus japanischer und deutscher Perspektive. Dieser Austausch war für beide Seiten sehr bereichernd.

Zunehmende sexuelle Ausbeutung junger Frauen und Mädchen

Besonders nachdenklich machte mich ein Einblick außerhalb des offiziellen Programms. Japanische Kollegen führten mich nachts durch das Tokioter Vergnügungsviertel Kabukichō, vorbei an jungen Mädchen vor pompösen Hotels, in Kleidung, die an Schuluniformen erinnert. Sie berichteten von zunehmender sexueller Ausbeutung junger Frauen und Mädchen, teils auch Minderjähriger, schilderten mafiöse Strukturen, die Rolle des Tourismus sowie fehlende Unterstützungsangebote. Nach ihrer Einschätzung werden diese Probleme in Japan bislang nur begrenzt öffentlich diskutiert. Die Offenheit und das Engagement meiner japanischen Kollegen haben mich sehr beeindruckt.

Aus den zwei Wochen in Japan kehre ich mit vielen fachlichen Impulsen und neuen Perspektiven zurück. Zugleich ist mir sehr bewusst, dass ich in der kurzen Zeit nur einen begrenzten Eindruck gewinnen konnte. Die Zeit war sehr bereichernd und ich freue mich auf den Gegenbesuch der japanischen Delegation in Deutschland im Herbst. Der Blick auf die Lebenslagen junger Menschen in Japan hat auch meinen Blick auf die eigene Arbeit und unseren gesellschaftlichen Kontext in Deutschland erweitert – und wirkt auf vielen Ebenen nach.

Text und Fotos: Dörthe Friess/Lichtblick Hasenbergl