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09.01.2026 - Von der Armut in ein selbstbestimmtes Leben: Aicha geht ihren Weg
Jedes siebte Kind in Deutschland ist armutsgefährdet. Das entspricht etwa 2,2 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Mit welchen Sorgen und Ängsten sie zu kämpfen haben, weiß die 26-jährige Aicha nur zu gut. Ihr Alltag als Kind war selbst von Armut geprägt. Heute spricht sie offen darüber und macht anderen Mut, nicht aufzugeben.

„Ich bin ein Lichtblick-Kind und werde es bleiben“: Als Peer-Mentorin unterstützt Aicha andere Jugendliche der Einrichtung.
Foto: Ceyda Dogan
Viele grüne Flächen und noch mehr Kinder – so beschreibt Aicha „ihr Viertel“, den Münchener Stadtteil Hasenbergl Nord. Hier ist sie aufgewachsen, hier fühlt sie sich wohl. „Es ist wie ein Dorf“, erklärt sie. „Jeder kennt jeden. Man hilft sich. Man hat das gleiche Leid, nur spricht man nicht darüber.“ Denn Hasenbergl Nord bedeutet auch: Armut, beengte Wohnverhältnisse, Verschuldung, Krankheit, Arbeitslosigkeit und Sucht.
„Das Hasenbergl hat seine eigenen Wände“, führt Aicha aus. „Die meisten Familien verlassen das Viertel nie, denn das kostet Geld, das man nicht hat, und alles andere fühlt sich fremd an und liegt außerhalb der Komfortzone.“ Die Armut im Hasenbergl vererbt sich oft von Generation zu Generation. Aicha ist die erste in ihrer Familie, die den Kreislauf der Armut durchbrochen hat. Mit einem außerordentlich starken Willen und einer großen Disziplin sowie mit der Unterstützung vom Lichtblick Hasenbergl, einer Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge der Erzdiözese München und Freising, die Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus sozial belasteten Familien intensiv betreut und fördert.
Das Minus in ein Plus umwandeln
Aicha ist mit acht Jahren in den Lichtblick Hasenbergl gekommen. Zuerst besuchte sie die schulbegleitenden Gruppen, dann den Jugend- und Ausbildungsbereich. „Ich bin ein Lichtblick-Kind und werde es bleiben“, sagt die jetzt 26-Jährige voller Stolz und Überzeugung. „Der Lichtblick nimmt einen mit allen Problemlagen auf und begleitet einen. Eigentlich geht das Angebot von fünf Monaten bis 25 Jahren, aber ich habe immer noch meine Mentorinnen und Mentoren hier. Da hat sich für mich nichts geändert.“
„Das Hasenbergl hat seine eigenen Wände“, führt Aicha aus. „Die meisten Familien verlassen das Viertel nie, denn das kostet Geld, das man nicht hat, und alles andere fühlt sich fremd an und liegt außerhalb der Komfortzone.“ Die Armut im Hasenbergl vererbt sich oft von Generation zu Generation. Aicha ist die erste in ihrer Familie, die den Kreislauf der Armut durchbrochen hat. Mit einem außerordentlich starken Willen und einer großen Disziplin sowie mit der Unterstützung vom Lichtblick Hasenbergl, einer Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge der Erzdiözese München und Freising, die Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus sozial belasteten Familien intensiv betreut und fördert.
Das Minus in ein Plus umwandeln
Aicha ist mit acht Jahren in den Lichtblick Hasenbergl gekommen. Zuerst besuchte sie die schulbegleitenden Gruppen, dann den Jugend- und Ausbildungsbereich. „Ich bin ein Lichtblick-Kind und werde es bleiben“, sagt die jetzt 26-Jährige voller Stolz und Überzeugung. „Der Lichtblick nimmt einen mit allen Problemlagen auf und begleitet einen. Eigentlich geht das Angebot von fünf Monaten bis 25 Jahren, aber ich habe immer noch meine Mentorinnen und Mentoren hier. Da hat sich für mich nichts geändert.“
Sonst hat sich allerdings vieles in Aichas Leben geändert. Als Kind und Jugendliche lebte Aicha mit ihren fünf Geschwistern und ihren Eltern in einer 3,5-Zimmer-Wohnung. „Den einzigen Rückzugsort, den ich hatte, war meine eigene Fantasie“, berichtet sie. Auch Platz für Spielzeug fehlte. Sowie Geld – an allen Ecken und Enden. „Als Kind merkst du zuerst nicht, dass du arm bist. Solange, bis du zur Schule kommst. Da erkennst du, dass andere Eltern zum Beispiel viel schneller das Geld für bestimmtes Schulmaterial zahlen oder gar für Klassenfahrten. Gleichzeitig lernst du, die Armut zu verstecken – zum einen, um nicht als hilfsbedürftig dazustehen, zum anderen, um die Eltern zu schützen.“ Eine belastende Situation, die zu psychischen Problemen führen kann, bei Aicha zum Beispiel zu Schlafstörungen.
Armut greift in alle Lebensbereiche ein. „Man hat ja nicht einfach nur weniger Geld zur Verfügung“, stellt Aicha klar. „Geld ist ein Türöffner. Wenn man es nicht besitzt, fehlen auch Bildung und Kontakte, und das Minus im Leben ist vorprogrammiert.“ Für sie „das beste Projekt im Lichtblick Hasenbergl“ war und ist das Projekt Pro 10+, das genau dort ansetzt und Kinder und Jugendliche von zehn bis 16 Jahren in mehreren Stufen aufs Berufsleben vorbereitet. Schon mit zehn Jahren werden die ersten Praktika vermittelt, die noch sehr spielerisch und erlebnisorientiert ausgerichtet sind. „Im Hasenbergl arbeiten viele im Niedriglohnsektor. Das sind die Berufe, die man als Kind hier kennt. Durch Pro 10+ konnte ich einmal mit einem richtigen Doktor sprechen oder mit einem Chef, dessen Büro größer war als unsere ganze Wohnung“, erinnert sich Aicha. „Ich habe richtig viele Praktika gemacht und konnte sehr viel lernen. So entstand auch mein Berufswunsch.“
Armut eine Stimme geben
Mit 17 Jahren beginnt Aicha ihre Ausbildung zur Bankkauffrau und macht nebenher ihr Fachabitur. Mit 18 Jahren zieht sie aus. Heute arbeitet sie bei einer Versicherung und absolviert zusätzlich eine Ausbildung zur Fachwirtin für Versicherungen und Finanzen. Ein enormes Pensum, das „ich auch aus der Angst heraus leiste, sonst wieder in die Armut zurückzufallen“, räumt Aicha ein.
Doch die Stimme der Angst wird immer leiser und ihre eigene Stimme immer lauter. 2021 hat Aicha bei der Armutskonferenz in München zum ersten Mal öffentlich über ihre Geschichte und ihre Erfahrungen gesprochen. „Vor allem aus Wut“, erklärt sie. „Da waren so viele Entscheidungsträger, die über uns urteilen, aber keine Ahnung von unseren Problemen haben. Das passte für mich nicht zusammen. Und das ist einfach meine Motivation – dass nicht über uns, sondern mit uns gesprochen wird.“
Armut greift in alle Lebensbereiche ein. „Man hat ja nicht einfach nur weniger Geld zur Verfügung“, stellt Aicha klar. „Geld ist ein Türöffner. Wenn man es nicht besitzt, fehlen auch Bildung und Kontakte, und das Minus im Leben ist vorprogrammiert.“ Für sie „das beste Projekt im Lichtblick Hasenbergl“ war und ist das Projekt Pro 10+, das genau dort ansetzt und Kinder und Jugendliche von zehn bis 16 Jahren in mehreren Stufen aufs Berufsleben vorbereitet. Schon mit zehn Jahren werden die ersten Praktika vermittelt, die noch sehr spielerisch und erlebnisorientiert ausgerichtet sind. „Im Hasenbergl arbeiten viele im Niedriglohnsektor. Das sind die Berufe, die man als Kind hier kennt. Durch Pro 10+ konnte ich einmal mit einem richtigen Doktor sprechen oder mit einem Chef, dessen Büro größer war als unsere ganze Wohnung“, erinnert sich Aicha. „Ich habe richtig viele Praktika gemacht und konnte sehr viel lernen. So entstand auch mein Berufswunsch.“
Armut eine Stimme geben
Mit 17 Jahren beginnt Aicha ihre Ausbildung zur Bankkauffrau und macht nebenher ihr Fachabitur. Mit 18 Jahren zieht sie aus. Heute arbeitet sie bei einer Versicherung und absolviert zusätzlich eine Ausbildung zur Fachwirtin für Versicherungen und Finanzen. Ein enormes Pensum, das „ich auch aus der Angst heraus leiste, sonst wieder in die Armut zurückzufallen“, räumt Aicha ein.
Doch die Stimme der Angst wird immer leiser und ihre eigene Stimme immer lauter. 2021 hat Aicha bei der Armutskonferenz in München zum ersten Mal öffentlich über ihre Geschichte und ihre Erfahrungen gesprochen. „Vor allem aus Wut“, erklärt sie. „Da waren so viele Entscheidungsträger, die über uns urteilen, aber keine Ahnung von unseren Problemen haben. Das passte für mich nicht zusammen. Und das ist einfach meine Motivation – dass nicht über uns, sondern mit uns gesprochen wird.“

„Für mich das beste Lichtblick-Projekt“: Durch Pro 10+ konnte Aicha schon früh viele unterschiedliche Berufe kennenlernen.
Foto: privat


„Dass nicht über uns, sondern mit uns gesprochen wird“: In Workshops berichtet Aicha, was es bedeutet, in Armut aufzuwachsen.
Foto: Nicole Stroth/KJF
Seitdem ist Aicha als Peer-Mentorin regelmäßig für die Jugendlichen im Lichtblick Hasenbergl da und gibt zusammen mit der pädagogischen Leiterin Dörthe Friess intern und extern Workshops für Fachkräfte zum Thema „Aufwachsen in Armut“. Auf besondere Weise honoriert wurde dieses Engagement im Sommer 2025, als ihr das Berliner „Netzwerk Chancen“ die Auszeichnung „Talent of the Year“ verliehen hat. „Ich habe mich darüber sehr gefreut“, so Aicha. „Aber allein, dass man eine solche Auszeichnung bekommt, heißt ja, dass immer noch Wissenslücken da sind. Für mich ist das ein Push, dranzubleiben, weiter mit den Jugendlichen und den Fachkräften darüber zu sprechen, damit Armut kein verstecktes und schambehaftetes Thema mehr ist.“
Und je mehr Aicha über das Thema Armut spricht, umso mehr kann sie es auch für sich selbst verarbeiten. „Mein Startpunkt lag woanders, aber ich habe schon viel geschafft. So wie ich bin, ist es eigentlich cool.“
Text: Nicole Stroth/KJF
Und je mehr Aicha über das Thema Armut spricht, umso mehr kann sie es auch für sich selbst verarbeiten. „Mein Startpunkt lag woanders, aber ich habe schon viel geschafft. So wie ich bin, ist es eigentlich cool.“
Text: Nicole Stroth/KJF


