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09.04.2026 - Tanzen gegen das Vergessen: Kreative Wege einer modernen Erinnerungskultur


45 Minuten dauert eine Unterrichtsstunde – oft zu wenig Zeit, um wichtige Inhalte wie den Holocaust zu behandeln. Das Projekt „Tanzen und Geschichte“ eröffnet einen kreativen Raum, um sich eine Woche lang intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Drei Schülerinnen und eine Lehrerin der Franz von Sales Schule Niedernfels haben sich darauf eingelassen.

Widerstand im KZ: Rena (l.) und Aliyah auf der Suche nach einem künstlerischen Ausdruck.
Nachdenklich, in sich gekehrt, traurig – und im nächsten Moment fröhlich, offen, energiegeladen: Diese emotionale Achterbahn erleben 17 Schülerinnen zwischen 13 und 21 Jahren bei dem Projekt „Tanzen und Geschichte“ im Max Mannheimer Studienzentrum in Dachau. Eingeladen dazu hat das Katholische Schulwerk in Bayern und auch drei Schülerinnen und eine Lehrerin der Franz von Sales Schule Niedernfels, einer privaten Grund- und Mittelschule des Pädagogischen Zentrums Achental, sind mit dabei. Die 15-jährige Manda war von Anfang an begeistert. „Ich wollte es unbedingt einmal ausprobieren, auch wenn ich keine richtige Tanzerfahrung habe und mir nicht vorstellen konnte, wie es zwischen Tanzen und KZ eine Verbindung geben soll.“

Denn genau darum geht es: Wie lässt sich das Unsagbare, das im ehemaligen Konzentrationslager Dachau geschehen ist, künstlerisch ausdrücken? Auf ihrem Weg, das herauszufinden, werden die Jugendlichen von dem britischen Choreografen und Tanzvermittler Alan Brooks begleitet. Seit elf Jahren engagiert er sich in der Gedenkstättenarbeit und weiß um die Verantwortung, die er trägt. „Wir müssen an die Opfer und ihre Familien denken. Aber auch im Konzentrationslager gab es Kunst. Sie war Mittel zum Überleben“, begründet er den Ansatz des Projektes. „Alles, was damals stattgefunden hat, war absolut grausam, doch es ist 81 Jahre her. Für die Schülerinnen eine sehr lange Zeit. Tanzen ist immer aktuell und real und hilft, durch den eigenen Körper eine persönliche Brücke zur Geschichte zu bauen. Denn ich fühle sie in meinen Muskeln.“

Das wird auch den Mädchen schnell klar, die schon nach dem ersten Probentag von Muskelkater geplagt werden. Alan Brooks fordert viel von seinen jungen Tänzerinnen, ist dabei jedoch stets motivierend, wertschätzend und äußerst sensibel. „Mit diesem Thema an diesem Ort brauchen wir einander“, erklärt er zu Beginn seines Workshops. „Du bist nicht allein. Checke immer wieder, ob du okay bist. Körperlich und mental. Solidarität ist in dieser Gruppe sehr wichtig.“

„Wie weit würden wir gehen?“

Bei seinen Übungen geht es vor allem darum, durch Bewegung und Körpersprache eine neue Form der Kommunikation zu finden – für all das Unfassbare, das mit normalen Worten kaum zu beschreiben ist. Ein Beispiel: Die Teilnehmerinnen sollen Zweierteams bilden und sich gegenseitig hochhalten, während jede für sich versucht, auf den Boden zu sinken. Unterschiedliche Taktiken werden ausprobiert. Die Übung wird mehrmals wiederholt und somit immer anstrengender. Nachdem alle wieder in einem Kreis zusammensitzen, schafft Alan Brooks die thematische Verbindung: „Ihr habt gemerkt, wie schwer es ist, eine andere Person hochzuhalten – erst recht nach dem zweiten oder dritten Mal. Wir hören manchmal Geschichten aus dem Konzentrationslager, in denen Häftlinge anderen Häftlingen nicht geholfen haben. Aber wie weit würden wir gehen? Es war jeden Tag – jeden Tag Hunger, jeden Tag Kälte, jeden Tag Demütigung. Du musstest deine Energie für dich behalten. Manche hatten einfach keine Kraft, andere noch hochzuhalten. Oder sie hatten die Kraft gestern, aber nicht mehr heute.“ Die Schülerinnen hören aufmerksam zu und Alan Brooks führt weiter aus: „Ich bin kein Fan von Beurteilungen. Wir wissen nicht, wie es damals war. Aber wir können tänzerisch eine Idee kreieren und ein Gefühl dafür entwickeln.“

Choreograf und Tanzvermittler: Alan Brooks ist international tätig und bestärkt Jugendliche mit seinen Projekten, Grenzen zu überwinden.

 

Geschichte vor Ort: Viola Bögeholz, Referentin des Max Mannheimer Studienzentrums, führt die Schülerinnen durch die KZ-Gedenkstätte Dachau.
Dieses Gefühl muss jedoch mit Fakten genährt werden. Daher gehören neben den Tanzeinheiten und einer Abschlussaufführung im Max Mannheimer Studienzentrum auch inhaltliche Workshops der Bildungseinrichtung sowie zwei Besuche der KZ-Gedenkstätte Dachau zum Programm. Der erste Besuch ist für die 15-jährige Rena aus Bernau ein Schock: „Als ich die Verbrennungsöfen gesehen habe und die Bilder, wo so viele tote Leute auf einem Haufen lagen, wurde mir das zu viel. Da musste ich mit meiner Freundin rausgehen.“

Beim zweiten Besuch wird versucht, dem Thema kreativ zu begegnen. Die Mädchen sollen einen Gegenstand aus den Ausstellungsräumen wählen und aus dessen Sicht Gefühle und Erlebnisse beschreiben. Die Schülerinnen der Franz von Sales Schule haben sich für die Fahnenspitze eines ermordeten Kriegsgefangenen entschieden. Die 13-jährige Aliyah trägt der Gruppe den gemeinsamen Text vor: „Ich wurde am SS-Schießplatz Hebertshausen aufgefunden. Dort habe ich mitbekommen, dass in den Jahren 1941 und 1942 4.000 sowjetische Kriegsgefangene von den SS-Leuten erschossen worden sind. Auf einmal hob mich ein SS-Soldat auf und brachte mich zum Brausebad. Es war schrecklich, was sich dort abgespielt hat. Ich sah überall Männer mit einer Glatze, abgeschorene Haare lagen am Boden. Die Männer trugen viel zu große gestreifte Kleidung und hatten unterschiedlich große Schuhe an.“

„Erinnerung darf kein Selbstzweck sein“
Diese enge Verzahnung von inhaltlichen Aspekten und dem Lernen durch Tanz machen für Dunja Müller, Referentin für Schulentwicklung und Evaluation des Katholischen Schulwerkes in Bayern, das Projekt aus. „Die multiperspektivische Herangehensweise ist eine große Bereicherung und fügt sich sehr gut in die Demokratieerziehung an katholischen Schulen als profilbildendes Merkmal ein“, betont sie. „Dadurch wird ein tieferes Verständnis ermöglicht, was Ausgrenzung und Entmenschlichung bedeuten und was die Geschichte des Nationalsozialismus mit meinem eigenen Handeln zu tun hat. Denn Erinnerung darf kein Selbstzweck sein.“

Und muss nicht nur im Geschichtsunterricht stattfinden. Birgit Pfänder ist fasziniert, wie Geschichte durch Bewegung erfahrbar gemacht werden kann. Die Lehrerin der Franz von Sales Schule, die auch Sport unterrichtet, ist als Ansprechpartnerin für Manda, Rena und Aliyah beim Projekt mit dabei, steht jedoch nicht nur am Rand, sondern integriert sich als erwachsene Teilnehmerin in die Gruppe. „Ich habe anfangs etwas Mut gebraucht, um mich auf das Ganze einzulassen“, gesteht sie. „Aber das Tanzen öffnet wirklich Türen und erschließt einen tieferen Kontext. Außerdem herrscht nach den inhaltlichen Workshops oft eine deprimierende Stimmung. Durch den Tanz wird diese in Leichtigkeit umgewandelt.“

Die emotionale Achterbahn bleibt den Schülerinnen nicht erspart. Doch am Ende sollen sie gestärkt und motiviert wieder nach Hause gehen. „Diese Orte haben genug Leute traumatisiert“, sagt Alan Brooks mit Nachdruck. „Heute sollen sie ein Sprungbrett für die Zukunft sein. Wir brauchen junge Leute, die Antisemitismus und Rassismus erkennen und Zivilcourage zeigen. Wenn alle das machen, haben wir die Welt gerettet – und diese 17 Mädchen können schon anfangen, die Welt zu retten.“

Text und Fotos: Nicole Stroth/KJF
 

Die Teilnehmerinnen der Franz von Sales Schule: Rena, Manda, Aliyah und Birgit Pfänder (v.l.n.r.) vor dem Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Dachau.
Hintergrund
Das Katholische Schulwerk in Bayern ist ein Zusammenschluss von 181 Schulen aller Schularten der sieben bayerischen (Erz-)Diözesen. Neun Schulen nahmen Ende Januar 2026 an dem Projekt „Tanzen und Geschichte“ teil, das in Kooperation mit dem Max Mannheimer Studienzentrum durchgeführt und durch das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) in Dortmund finanziell gefördert wurde.