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06.02.2024 - Spuren der dunklen Vergangenheit: Vortrag über den Leiter des "Lebensborn"


Der Standort unserer Einrichtung Einrichtungsverbund Steinhöring (EVS) hat eine unselige Vergangenheit, die der EVS in vorbildlicher Weise immer wieder thematisiert und mahnend in Erinnerung ruft. (Bitte beachten Sie: Der Text enthält Zitate in der bekannt menschenverachtenden und unsäglichen Nazi-Sprache.)​​

Die Einladung zum Vortrag. Fotos: EVS/KJF
Bei der historischen Aufarbeitung geht um die ehemalige Nazi-Institution "Lebensborn e.V.", die im heutigen Förderstätten-Gebäude untergebracht war. Ende 2023 stand in einem viel beachteten historischen Vortrag der ehemalige Leiter von "Lebensborn" im Mittelpunkt. 

Die Historikerin Anna Bräsel hielt im Rahmen der Ebersberger "Wochen der Toleranz" im Einrichtungsverbund Steinhöring (EVS) diesen interessanten Vortrag. Auch eine Führung über das Gelände war Teil der Veranstaltung. Der Einrichtungsverbund ist einer von zehn Kooperationspartnern, die bei der Gestaltung und Durchführung der "Wochen der Toleranz" in Landkreis Ebersberg mitwirken. Diese beinhalten seit 2018 jeweils im Oktober und November an unterschiedlichen Orten Veranstaltungen, die sich mit Themen wie Vielfalt und Ausgrenzung beschäftigen. Der Vortrag und der Rundgang in Steinhöring nahmen in diesem Jahr den früheren Leiter des "Heim Hochland" in Steinhöring, Gregor Ebner, in den Blick. Das Interesse war groß, kurzfristig mussten die knapp 100 Interessierten vom "Café Wunderbar" in die Mehrzweckhalle umziehen. 
 

Das Interesse am Vortrag war groß. 
Gerüchte und Wahrheiten

Der sogenannte "Lebensborn" war weder eine karitative Einrichtung für werdende Mütter noch eine "Zuchtanstalt oder ein Bordell für führende Nazis". Vielmehr war das Ziel der "Lebensborn"-Einrichtungen gemäß seinem Gründer, dem SS-Führer Heinrich Himmler, "rassisch wertvolle Kinder" zur Welt zu bringen. Die Mütter konnten ein halbes Jahr vor ihrer Entbindung aufgenommen werden und ihre Kinder dort solange unterbringen, bis sie eine Möglichkeit der Versorgung hatten. Der "Lebensborn" vermittelte auch Adoptionen an nationalsozialistisch ausgerichtete Paare und Familien. Diese mussten sich vor der Aufnahme einer sorgfältigen Prüfung unterziehen. Dabei wurde die eigene Familie und die des Erzeugers auf sogenannte "arische Abstammung" und Erbkrankheiten untersucht. Das Gelände des heutigen EVS war für die Zwecke des "Lebensborn" günstig, da es in der näheren Umgebung keine Nachbarn gab und der Ort Steinhöring damals schon über einen Bahnanschluss und über eine Bundesstraße, die direkt nach München führt, verfügte. "Die Versorgungslage, der pflegerische Standard und die rassische Bildung" der Frauen war auch in Kriegszeiten noch auf einem hohen Niveau, wie der Nazi-Arzt Josef Becker, medizinischer Beirat des "Lebensborn e.V.", noch im August 1943 feststellte.

Gregor Ebner auf einem Archivfoto der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem.
 
Arzt und Heimleiter Georg Ebner

Gregor Ebner gab 1937 seine Privatpraxis in Kirchseeon auf, um Heimleiter und Arzt im Heim von "Lebensborn e.V." zu werden. Hier ein kurzer Überblick über seine Vita, die seine Nähe zur Ideologie und Praxis der Nazis belegt:
  • 1930 öffentlicher Beitritt zur NSDAP nach einer Rede von Hitler in Grafing
  • Dezember 1930 Gründung einer Ortsgruppe der NSDAP; Ebner wird Ortsgruppenleiter und stellvertretender Kreisgruppenleiter
  • 1931 Beitritt zur SS
  • ab 1936 Heimleiter und Arzt im "Heim Hochland" in Steinhöring
  • 1938 geschäftsführendes Vorstandsmitglied des "Lebensborn e.V."
  • 1940 Leiter Gesundheitswesen (ärztliche Betreuung und weltanschauliche Ausrichtung)
  • 1943 Leitung der Hauptabteilung für "Gesundheitswesen ärztliche Begutachtung, Auslesebestimmung"
In seiner Tätigkeit als Arzt und Heimleiter führte er Begutachtungen durch. Nach dem "nationalsozialistischen Ausleseverfahren" wurden Kinder wie zum Beispiel der kleine Jürgen Opfer der Euthanasie. Dieser litt nach seiner Geburt 1941 an Krämpfen, "einer Zwangsstellung der Augen nach einer Seite" und "einer geistigen Entwicklung, die nicht in normalen Bahnen läuft". Es existiert ein Schriftverlauf von Ebner der aufzeigt, dass der Junge in eine Anstalt in Brandenburg verlegt wurde, in der er 1942 starb.

Ebner war auch für Begutachtungen von Kindern und Jugendlichen verantwortlich, die in den besetzten Gebieten, wie etwa Slowenien, entführt worden waren. Beispielsweise urteilte er folgendermaßen über die 17-jährige Agnes: "Das Maedchen ist schwachsinnig, etwas stumpfer Gesichtsausdruck, sinnloses Lachen, steht geistig auf der Stufe eines 10 jaehrigen Kindes, …. geht jeder Arbeit aus dem Weg. Da die jungen Maenner des Lagers allmaehlich Interesse an diesem Maedchen bekommen, muss es meiner Ansicht nach umgehend sterilisiert werden. Ich halte es fuer zweckmaesig, die Sterilisation durchfuehren zu lassen, noch ehe die Einbuergerung vollzogen ist …."

Werdegang Ebners in der Nachkriegszeit

Im April 1945 wurde das KZ-Außenkommando in Steinhöring, das aus Zwangsarbeiter:innen bestand, nach Dachau evakuiert und das männliche Personal verließ das Heim. Nur Ebner blieb. Am 2. Mai 1945 wurde das Heim durch amerikanische Truppen befreit und Ebner verhaftet. Von 1947-1948 fand im Rahmen der Nürnberger Prozesse die justizielle Aufarbeitung statt. Unter den damalig schwierigen Umständen wurde der "Lebensborn e.V." als "Wohlfahrtsorganisation" eingestuft. Ebner wurde deshalb nur wegen SS-Mitgliedschaft verurteilt. Seine Strafe galt mit der Internierungshaft von knapp drei Jahren als verbüßt. Im März 1949 eröffnete er wieder seine Privatpraxis in Kirchseeon.

1950 fand dann die Aufarbeitung des "Lebensborn" durch die Spruchkammer München als Organisation statt. Die Einrichtung habe "nach ihrer praktischen Tätigkeit und nach ihren Grundzielen der Himmler'schen Rassenpolitik zu dienen". Das Gericht entschied, dass Ebners Vermögen eingezogen wird. Außerdem wurde ihm die Approbation als Arzt entzogen, er erhielt fünf Jahre Berufsverbot und musste 60 Tage Sonderarbeit leisten.

Im September 1950 leitete Ebner ein Gnadengesuch mit dem Versprechen ein, sich als "treuer Diener des jungen demokratischen Staates" zu erweisen. Ein Jahr später konnte er aufgrund dringender Befürwortung der Gemeinde Kirchseeon und des ärztlichen Bezirksvereins Ebersberg wieder als Arzt in Kirchseeon praktizieren, was er bis zum Ende der 70er Jahre tat. Er verstarb im Jahr 1974.

Bereits im September war der Historiker Dr. Rudolf Oswald im EVS zu Gast. Er hielt einen Vortrag über sein Buch "Den Opfern verpflichtet", das die Zeit nach dem "Lebensborn" erforschte. In derselben Zeit durften die EVS-Mitarbeitenden noch eine Delegation der Universität Wien begleiten, die sich mit dem ehemaligen "Lebensbornheim Wienerwald" im in der Nähe von Wien gelegenen Ort Feichtenbach beschäftigen. Die Teilnehmenden zeigten sich interessiert für den EVS-"Weg der Erinnerung". Zu diesem hat die Historikerin Bräsel schon vor Jahren mit der Recherche, Planung und Durchführung einer Ausstellung einen großen Beitrag geleistet. Mit dem anstehenden Umbau der Förderstätte, dem ehemaligen "Lebensborn"-Gebäude, ist die Errichtung eines Gedenkorts im Turm und im Garten zwischen Turm und Haus geplant.

Text: Einrichtungsverbund Steinhöring, Redaktion Gabriele Heigl/KJF
 
"Lebensborn" (Quelle: Wikipedia)

Der "Lebensborn e.V." war in der Zeit des Nationalsozialismus ein von der SS getragener, dessen Ziel es war, auf der Grundlage der nationalsozialistischen "Rassenhygiene" und Gesundheitsideologie die Erhöhung der Geburtenziffer "arischer" Kinder herbeizuführen. Dies sollte durch das Abhalten unverheirateter Frauen und Mädchen von einem Schwangerschaftsabbruch, durch das Anbieten anonymer Entbindungen und die anschließende Vermittlung der unehelichen Kinder zur Adoption - bevorzugt an Familien von SS-Angehörigen - erreicht werden.

Der "Lebensborn" war daneben mitverantwortlich für die Verschleppung von Kindern aus den von Deutschland besetzten Gebieten. Falls diese im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie als "arisch" galten, wurden sie unter Verschleierung ihrer Identität in "Lebensborn"-Heime im "Deutschen Reich" oder in den besetzten Gebieten gebracht. Ziel war letztlich die Adoption durch parteitreue deutsche Familien. So wurden 13 der 98 vom Lidice-Massaker betroffenen Kinder für den Lebensborn selektiert, während die anderen ins Vernichtungslager Kulmhof deportiert und dort durch Gas ermordet wurden.

Der Name "Lebensborn" leitet sich ab vom alten deutschen Wort "Born" für "Brunnen, Quelle". "Lebensborn" war ein Projekt Heinrich Himmlers, das sich vor allem an den beiden wichtigsten bevölkerungspolitischen Grundsätzen des Nationalsozialismus orientierte: Rettung der "nordischen Rasse" vor dem (angeblich) durch Geburtendefizite bedingten drohenden Untergang mittels Steigerung der Geburtenrate, "qualitative Verbesserung" des Nachwuchses unter "Zuchtkriterien" im Sinne der nationalsozialistischen "Rassenhygiene" ("Euthanasie", Zwangssterilisation, Heiratsverbote), "Züchtung" des "Adels der Zukunft".
Der "Lebensborn" gab als Anliegen die Mütterfürsorge vor und gründete Heime zur anonymen Entbindung, welche sich an Mütter in Not richteten. Dies entsprang jedoch keiner humanen Moral, sondern sollte im Sinne der "neuen Moral" einer aktiven, rassistischen nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik einer Erhöhung der Geburtenrate dienen. 

Der Verein "Lebensborn" wurde am 12. Dezember 1935 auf Veranlassung Himmlers in Berlin gegründet. Finanziert wurde die Organisation durch Zwangsbeiträge der SS-Angehörigen. Gemäß der Gründungssatzung hatte der Verein folgende Aufgaben:
"1.) Rassisch und erbbiologisch wertvolle, kinderreiche Familien zu unterstützen.
2.) Rassisch und erbbiologisch wertvolle ledige Mütter unterzubringen und zu betreuen, bei denen nach sorgfältiger Prüfung der eigenen Familie und der Familie des Erzeugers durch das R. u. S.-Hauptamt-SS anzunehmen ist, daß gleich wertvolle Kinder zur Welt kommen,
3.) für diese Kinder zu sorgen,
4.) für die Mütter der Kinder zu sorgen."

Am 15. August 1936 eröffnete der Lebensborn sein erstes Heim, das "Haus Hochland" in Steinhöring bei Ebersberg in Oberbayern. Es hatte anfangs 30 Betten für Mütter und 55 für Kinder. Bis 1940 wurde die Bettenzahl verdoppelt.
... ärztlicher Leiter war von Anfang an SS-Oberführer Gregor Ebner.

1942 befahl Himmler, „arisch“ aussehende, blonde und blauäugige Kinder aus besetzten Gebieten zwecks „Eindeutschung“ zu entführen. Die Kinder wurden an SS-Familien vermittelt, zur Adoption freigegeben oder in "Lebensborn"-Heime verbracht. Kleinere Kinder erhielten gefälschte neue Geburtsurkunden. Falls sie nicht den Kriterien nach den "Ariertabellen" entsprachen, wurden sie in Vernichtungslager transportiert. Von einer Aktion in Tschechien ist bekannt, dass 9 Kinder zur "Germanisierung" ausgesucht, 82 jedoch zur Tötung nach Chelm in das Vernichtungslager Sobibor gebracht wurden.