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19.01.2026 - Den Kreislauf der Armut durchbrechen: Interview mit Dörthe Friess
Seit fast 20 Jahren arbeitet Dörthe Friess im Lichtblick Hasenbergl im Münchener Norden. In dieser Zeit ist die Sozialpädagogin zur Armutsexpertin geworden, denn die Einrichtung begleitet und betreut Kinder und Jugendliche, die in armen und hoch belasteten Lebenswelten aufwachsen. Als pädagogische Leiterin setzt sie auf eine ganzheitliche Bildung und erklärt im Interview, wie vielschichtig Armut ist.
Kann man einem Kind anmerken, ob es in Armut aufwächst oder nicht?
Dörthe Friess: Das ist eine komplexe Frage. Von der Definition her bedeutet Armut, dass jemand weniger Geld zur Verfügung hat, als ein Mensch in unserer Gesellschaft haben sollte. Wie viel Geld jemand hat oder nicht hat, sehe ich ihm oder ihr erstmal nicht an. Aber Armut hat Auswirkungen – gerade dann, wenn sie länger andauert. Je weniger dieser Mangel ausgeglichen werden kann, desto sichtbarer wird die Armut in ganz unterschiedlichen Dimensionen.
Welche Dimensionen sind das?
Zum einen ist das die materielle Dimension. Wie ist das Kind versorgt? Hat es gute Winterschuhe und witterungsadäquate Kleidung? Ist die Ernährung ausreichend gesund – mit frischem Obst und Gemüse? Wie ist die schulische Ausstattung? Wir fragen uns, was kommt materiell beim Kind an und genügt dies für eine gesunde Entwicklung.
Zum anderen gehen wir der Frage nach, wie das Kind sozial im Leben steht. Hat es Freunde, fühlt es sich zugehörig, kann es gemeinsam mit anderen Erfahrungen sammeln – zum Beispiel mal ins Kino gehen? Dazu kommen die Dimensionen der Kultur und Bildung sowie die Gesundheit. Sehr viele Eltern der Lichtblick-Kinder arbeiten – allerdings im Niedriglohnsektor als Reinigungskräfte, Spüler:innen, vielfach im Schichtdienst. Den Kindern fehlen Vorbilder und Impulse aus anderen Lebens- und Berufsfeldern. 50 Prozent haben schwer erkrankte Elternteile oder Geschwister, zum Teil mit einer Behinderung. Wir begleiten außerdem viele kinderreiche Familien.
Zusammengefasst: In den Familien herrscht ein Mehr an Belastungen und ein Wenig an Möglichkeiten. Dadurch ist es für die Eltern schwierig, auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen und es gut zu unterstützen. Für Armut gibt es viele Gründe, und es braucht eine erhöhte Anstrengung, ein Leben als armer Mensch zu führen.
Wie gehen die Kinder damit um? Ist ihnen bewusst, dass sie in Armut aufwachsen?
Das ist den kleinen Kindern meist nicht bewusst. Sie erleben ihre Armut erst im Kontakt mit anderen, wenn es schwierig wird, Anforderungen zu erfüllen, die mit Geld verbunden sind. 2021 haben wir anlässlich der Armutskonferenz der Landeshauptstadt München mit Jugendlichen über Armut gesprochen. Sie haben erzählt, wie es sich anfühlt, wenn man kein Geld für Schulmaterial hat und das dem Lehrer sagen muss. Oder wenn man genau weiß, dass man an der Klassenfahrt nicht teilnehmen kann. Sie haben berichtet, wie schmerzhaft es ist, im Alltag immer wieder auf die Auswirkungen der Armut gestoßen zu werden. Sie gehen nicht oder viel seltener als Gleichaltrige mit ihrer Familie in den Tierpark, in ein Museum oder ins Freizeitbad, machen keine Urlaubsreisen.
Dörthe Friess: Das ist eine komplexe Frage. Von der Definition her bedeutet Armut, dass jemand weniger Geld zur Verfügung hat, als ein Mensch in unserer Gesellschaft haben sollte. Wie viel Geld jemand hat oder nicht hat, sehe ich ihm oder ihr erstmal nicht an. Aber Armut hat Auswirkungen – gerade dann, wenn sie länger andauert. Je weniger dieser Mangel ausgeglichen werden kann, desto sichtbarer wird die Armut in ganz unterschiedlichen Dimensionen.
Welche Dimensionen sind das?
Zum einen ist das die materielle Dimension. Wie ist das Kind versorgt? Hat es gute Winterschuhe und witterungsadäquate Kleidung? Ist die Ernährung ausreichend gesund – mit frischem Obst und Gemüse? Wie ist die schulische Ausstattung? Wir fragen uns, was kommt materiell beim Kind an und genügt dies für eine gesunde Entwicklung.
Zum anderen gehen wir der Frage nach, wie das Kind sozial im Leben steht. Hat es Freunde, fühlt es sich zugehörig, kann es gemeinsam mit anderen Erfahrungen sammeln – zum Beispiel mal ins Kino gehen? Dazu kommen die Dimensionen der Kultur und Bildung sowie die Gesundheit. Sehr viele Eltern der Lichtblick-Kinder arbeiten – allerdings im Niedriglohnsektor als Reinigungskräfte, Spüler:innen, vielfach im Schichtdienst. Den Kindern fehlen Vorbilder und Impulse aus anderen Lebens- und Berufsfeldern. 50 Prozent haben schwer erkrankte Elternteile oder Geschwister, zum Teil mit einer Behinderung. Wir begleiten außerdem viele kinderreiche Familien.
Zusammengefasst: In den Familien herrscht ein Mehr an Belastungen und ein Wenig an Möglichkeiten. Dadurch ist es für die Eltern schwierig, auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen und es gut zu unterstützen. Für Armut gibt es viele Gründe, und es braucht eine erhöhte Anstrengung, ein Leben als armer Mensch zu führen.
Wie gehen die Kinder damit um? Ist ihnen bewusst, dass sie in Armut aufwachsen?
Das ist den kleinen Kindern meist nicht bewusst. Sie erleben ihre Armut erst im Kontakt mit anderen, wenn es schwierig wird, Anforderungen zu erfüllen, die mit Geld verbunden sind. 2021 haben wir anlässlich der Armutskonferenz der Landeshauptstadt München mit Jugendlichen über Armut gesprochen. Sie haben erzählt, wie es sich anfühlt, wenn man kein Geld für Schulmaterial hat und das dem Lehrer sagen muss. Oder wenn man genau weiß, dass man an der Klassenfahrt nicht teilnehmen kann. Sie haben berichtet, wie schmerzhaft es ist, im Alltag immer wieder auf die Auswirkungen der Armut gestoßen zu werden. Sie gehen nicht oder viel seltener als Gleichaltrige mit ihrer Familie in den Tierpark, in ein Museum oder ins Freizeitbad, machen keine Urlaubsreisen.

„Wir schaffen den Nährboden, auf dem Perspektiven und Sicherheit wachsen können“: Für Dörthe Friess ist die Hoffnung der Dreh- und Angelpunkt im Lichtblick Hasenbergl.
Foto: Nicole Stroth/KJF
Der Aha-Effekt bei diesem Projekt war, dass die Jugendlichen auf einmal gemerkt haben, dass es den anderen im Lichtblick Hasenbergl ähnlich geht, dass auch sie die Angst kennen, dass der Strom abgestellt werden könnte oder gar die Wohnung in Gefahr ist, weil das nötige Geld – sei es von der neuen Arbeitsstelle oder vom Jobcenter – nicht rechtzeitig überwiesen wird. Das war für die Jugendlichen sehr entlastend. Sie haben erkannt, dass Armut Ursachen hat – veränderbare und unveränderbare – und dass Armut nicht allein die Schuld ihrer Eltern ist.
Abgesehen von diesem konkreten Projekt: Inwiefern sprechen Sie im Lichtblick Hasenbergl mit den Jugendlichen über Armut?
Wir haben da mittlerweile eine sehr gute Gesprächsebene aufgebaut. Wir verwenden allerdings nicht den Begriff „Armut“, den lehnen die Jugendlichen ab. Wir verwenden den Begriff „Mangel“. Woran mangelt es dir? An Ruhe, am Platz zum Spielen, an Gesundheit, an Hilfe, Behördenanträge auszufüllen. So ist es besser besprechbar und die Jugendlichen lernen, ihre Lebenssituation zu verstehen und Lösungen zu entwickeln.
Wie gelingt es Ihnen, in diesem vielseitigen Zusammenspiel von Armutsfaktoren bei den Jugendlichen trotzdem Hoffnung zu wecken?
Hoffnung ist für uns der Dreh- und Angelpunkt. Wir sind für die Jugendlichen ein Ort der Hoffnung, weil wir immer Möglichkeiten finden, was man noch machen kann. Wir sind so aufgestellt, dass wir in allen Lebensbereichen Hilfe anbieten können. Wir haben Kleidung, Essen und Hygieneartikel. Wir begleiten zu Ärzten, Behörden, zu anderen Beratungsstellen, zur Polizei oder zum Familiengericht. Wir haben ein breit aufgestelltes Bildungsangebot. Wir sind für das Kind da und lassen es nicht allein, wir beziehen aber auch die ganze Familie mit ein. Wir schaffen den Nährboden, auf dem Perspektiven und Sicherheit wachsen können.
Abgesehen von diesem konkreten Projekt: Inwiefern sprechen Sie im Lichtblick Hasenbergl mit den Jugendlichen über Armut?
Wir haben da mittlerweile eine sehr gute Gesprächsebene aufgebaut. Wir verwenden allerdings nicht den Begriff „Armut“, den lehnen die Jugendlichen ab. Wir verwenden den Begriff „Mangel“. Woran mangelt es dir? An Ruhe, am Platz zum Spielen, an Gesundheit, an Hilfe, Behördenanträge auszufüllen. So ist es besser besprechbar und die Jugendlichen lernen, ihre Lebenssituation zu verstehen und Lösungen zu entwickeln.
Wie gelingt es Ihnen, in diesem vielseitigen Zusammenspiel von Armutsfaktoren bei den Jugendlichen trotzdem Hoffnung zu wecken?
Hoffnung ist für uns der Dreh- und Angelpunkt. Wir sind für die Jugendlichen ein Ort der Hoffnung, weil wir immer Möglichkeiten finden, was man noch machen kann. Wir sind so aufgestellt, dass wir in allen Lebensbereichen Hilfe anbieten können. Wir haben Kleidung, Essen und Hygieneartikel. Wir begleiten zu Ärzten, Behörden, zu anderen Beratungsstellen, zur Polizei oder zum Familiengericht. Wir haben ein breit aufgestelltes Bildungsangebot. Wir sind für das Kind da und lassen es nicht allein, wir beziehen aber auch die ganze Familie mit ein. Wir schaffen den Nährboden, auf dem Perspektiven und Sicherheit wachsen können.

Mehr als nur Schulwissen: Der Lichtblick Hasenbergl arbeitet mit einem weit gefassten Bildungsverständnis.
Grafiken: Lichtblick Hasenbergl

Die Statistik zeigt: Durch den Lichtblick Hasenbergl eröffnen sich für die Jugendlichen echte Zukunftsperspektiven.
Sie haben gerade schon Ihr breites Bildungsangebot erwähnt. Bildung bedeutet im Lichtblick Hasenbergl aber nicht nur Schule und Berufsausbildung …
Wir arbeiten mit einem sehr weit gefassten Bildungsverständnis, denn die Schule deckt nur einen Bruchteil dessen ab, was man lernen muss, um kein Leben in Armut zu führen. Die Kinder können mit dem Mangel wirtschaften und sehr schnell kurzfristige Lösungen finden, denn das müssen sie täglich machen. Doch sie müssen lernen, langfristig zu denken – und sie brauchen lebenspraktisches Wissen. Wie kaufe ich ein Zugticket? Welche Gesprächsthemen eignen sich beim Mittagessen? Wir haben viel kulturell vermitteltes Wissen, das in der Lebensrealität der Kinder einfach nicht vorkommt. Spätestens wenn sie eine Ausbildung machen, fällt ihnen das aber auf die Füße und sie werden wieder stigmatisiert.
Ist dieser weit gefasste Bildungsansatz gesellschaftlich oder politisch im Blick?
Nein, das glaube ich nicht. Sowohl gesellschaftlich als auch politisch fehlt da viel Wissen und daher werden vorhandene Spielräume nicht genutzt. Es ist ein Potential, das wir brachliegen lassen. Das ist schade für die Gesellschaft, aber vor allem ist es ein Drama für die betroffenen Kinder und Jugendlichen.
Um diesen Ansatz ernst zu nehmen, braucht es aber auch mehr qualifizierte Mitarbeiter:innen in den sozialen Einrichtungen. Das ist nichts, was man so nebenher macht. Eine Anmeldung zu einem Bildungskurs allein reicht nicht, es braucht Menschen, die das Ganze begleiten. Doch es lohnt sich. Die allermeisten, die bei uns im Lichtblick Hasenbergl diese frühe Förderung und Orientierung erfahren, machen eine Ausbildung und finden eine Arbeitsstelle. Sie erarbeiten sich ihre Perspektiven und können den Kreislauf der Armut durchbrechen.
Interview: Nicole Stroth/KJF
Wir arbeiten mit einem sehr weit gefassten Bildungsverständnis, denn die Schule deckt nur einen Bruchteil dessen ab, was man lernen muss, um kein Leben in Armut zu führen. Die Kinder können mit dem Mangel wirtschaften und sehr schnell kurzfristige Lösungen finden, denn das müssen sie täglich machen. Doch sie müssen lernen, langfristig zu denken – und sie brauchen lebenspraktisches Wissen. Wie kaufe ich ein Zugticket? Welche Gesprächsthemen eignen sich beim Mittagessen? Wir haben viel kulturell vermitteltes Wissen, das in der Lebensrealität der Kinder einfach nicht vorkommt. Spätestens wenn sie eine Ausbildung machen, fällt ihnen das aber auf die Füße und sie werden wieder stigmatisiert.
Ist dieser weit gefasste Bildungsansatz gesellschaftlich oder politisch im Blick?
Nein, das glaube ich nicht. Sowohl gesellschaftlich als auch politisch fehlt da viel Wissen und daher werden vorhandene Spielräume nicht genutzt. Es ist ein Potential, das wir brachliegen lassen. Das ist schade für die Gesellschaft, aber vor allem ist es ein Drama für die betroffenen Kinder und Jugendlichen.
Um diesen Ansatz ernst zu nehmen, braucht es aber auch mehr qualifizierte Mitarbeiter:innen in den sozialen Einrichtungen. Das ist nichts, was man so nebenher macht. Eine Anmeldung zu einem Bildungskurs allein reicht nicht, es braucht Menschen, die das Ganze begleiten. Doch es lohnt sich. Die allermeisten, die bei uns im Lichtblick Hasenbergl diese frühe Förderung und Orientierung erfahren, machen eine Ausbildung und finden eine Arbeitsstelle. Sie erarbeiten sich ihre Perspektiven und können den Kreislauf der Armut durchbrechen.
Interview: Nicole Stroth/KJF


