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05.05.2022 - Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden: "Wenn ich der Kirche den Rücken kehre, wird nichts besser"


Kirchliche Einrichtungen unter Druck: Seit der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens im Januar 2022 steht die katholische Kirche im Feuer. Große Gruppen der Gesellschaft entfernen sich von ihr. Auch kirchliche Einrichtungen wie die KJF sind mitbetroffen vom enormen Vertrauensverlust. Der Vorstandsvorsitzende Bartholomäus Brieller weiß, dass es hart werden wird, das Vertrauen zurückzugewinnen. Hier äußert er sich in einem sehr persönlichen Interview über Missbrauchsfälle, das Versagen der Kirche, und was jetzt zu tun ist.

Der Vorstandsvorsitzende der KJF München und Freising: Bartholomäus Brieller. Alle Fotos: Gabriele Heigl/KJF
 
Im Januar 2022 stellte die Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl das im Februar 2020 von der Erzdiözese München und Freising in Auftrag gegebene Münchner Missbrauchsgutachten der Öffentlichkeit vor. Es trägt den Titel: "Sexueller Missbrauch Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019. Verantwortlichkeiten, systemische Ursachen, Konsequenzen und Empfehlungen".

Die Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Untersuchungsergebnisse waren und sind verheerend, nicht nur für die Kirche als Ganzes, sondern auch für alle Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. Sie reichen von einem tiefen Vertrauensverlust bis hin zu kompletter Ablehnung. Kirchenaustritte haben enorm zugenommen. Auch die KJF spürt die Auswirkungen der Missbrauchsfälle, der Vertuschungen durch die Kirche sowie der zögerlichen Aufarbeitung. Mitarbeitende, Eltern und Öffentlichkeit haben plötzlich Vorbehalte gegen die Katholische Jugendfürsorge. Wie geht der Vorstandsvorsitzende Bartholomäus Brieller damit um? In jeder Minute des Gesprächs merkt man, wie nahe ihm das Thema geht, und wie wichtig ihm nicht nur die Aufarbeitung, sondern auch die Prävention ist.
Was machen die ständigen Nachrichten über Missbrauch in der Kirche mit Ihnen? Wie geht es Ihnen damit?

Bartholomäus Brieller: Es macht mich, wie alle von uns, betroffen, aber auch ärgerlich, weil es schon so viele Jahre geht und nicht abgearbeitet ist. In gewisser Weise lähmt es mich auch, weil ich verunsichert bin. Ich glaube, so geht es auch vielen unserer Mitarbeitenden. 

Auf der Website der KJF findet sich die Pressemitteilung des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising e.V. "Betroffene von Missbrauch müssen an erster Stelle stehen". Warum hat die KJF keine eigene Presseerklärung herausgegeben?

Es gibt ungefähr 200 Rechtsträger auf dem Gebiet der Erzdiözese. Wir alle haben uns mit dem Caritas-Direktor, mit den Vorständen der großen Fachverbände und einer Vielzahl anderer innerhalb der Caritas-Familie tätiger Funktionäre intensiv abgestimmt. Der Caritas-Direktor legte danach einen Entwurf vor, den wir diskutiert und angereichert haben. Auch ich habe für eine einzige Stellungnahme plädiert, um die Öffentlichkeit nicht mit vielen verschiedenen Formulierungen zu verwirren. Aber ich habe meine Meinung revidiert. Viele unserer Mitarbeitenden haben sich eine individuelle Stellungnahme von uns erhofft. 

Mit welchen Vorbehalten sehen Sie und die KJF-Mitarbeitenden sich seit der Veröffentlichung des Gutachtens konfrontiert?

Das Thema wird entweder von Eltern und Kontaktpersonen direkt angesprochen, oder die Mitarbeitenden lesen es zwischen den Zeilen. Eltern und Jugendliche äußern: 'Muss ich denn von einer katholischen Einrichtung betreut werden, gibt es nicht andere?' Das 'katholisch' belastet uns momentan. Es ist nicht mehr ein Prädikat für etwas Wertvolles, sondern wird sehr intensiv mit dem Missbrauchsgeschehen verknüpft. 

Gab oder gibt es Fälle von Missbrauch in den Einrichtungen der KJF?

Ja, die gab es. Es handelt sich um 15 Fälle insgesamt. Neun geschahen im Piusheim in den 1950er und 1960er Jahren, als die Einrichtung noch nicht zu uns gehörte. Wir haben die Einrichtung erst in den 1980er Jahren übernommen. Der erste mir bekannte Fall datiert aus dem Jahr 1957, die jüngsten Fälle stammen aus den 1970er Jahren. Fünf Fälle geschahen in den 1960er Jahren in der Lungenheilstätte Ruhpolding, eine Einrichtung, in der wir zu dieser Zeit Träger waren. Dort gab es nicht nur sexuellen Missbrauch, sondern auch körperliche Züchtigungen, also Schläge. Ein weiterer Fall ist im Maria-Theresia-Heim vorgefallen, lange vor unserer Zeit. Außerdem ist ein Fall in der Lungenheilstätte Schönhäusl bekannt, ein Vorgang aus den Jahren 1960/61. Da ging es um schwere körperliche Misshandlungen durch einen Mitarbeiter. Alle diese Einrichtungen gibt es nicht mehr. Aber natürlich sind wir Ansprechpartner geworden, weil wir der letzte Rechtsträger dieser Einrichtungen waren. 

Waren das Pfarrer oder Schwestern, also BetreuerInnen mit kirchlichem Hintergrund? 

Ja, im Piusheim. Da scheinen es immer dieselben Täter und Täterinnen gewesen zu sein. Außerdem gab es den Vorwurf, dass 1969 körperliche Misshandlungen durch Ordensschwestern im Clemens-Maria-Kinderheim passiert sind.
Was findet man in den Akten von damals?

Leider wenig bis nichts. Wer so etwas treibt, der schreibt das nicht auf. Das heißt, die Opfer kramen nach 40, 50 Jahren in ihrer Vergangenheit und versuchen, sich zu erinnern. Der lange Zeitraum und die Traumatisierung erschweren ein Erinnern. Wenn einem als kleines Kind so etwas widerfährt, verdrängt man das. Dann erwacht es nach Jahrzehnten im Erwachsenenalter, zu spät für genaue Zahlen, Daten und Fakten. Wenn Menschen in Rente gehen und ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnt, haben sie zum ersten Mal die Zeit, sich damit zu befassen, und es platzen alte Wunden auf. 

Außenstehende überrascht dennoch, dass sich die Opfer erst jetzt so gehäuft melden.

Bei vielen kommt jetzt erst der Mut, sich zu melden, denn man ist nicht mehr der erste, der das anprangert. Manche haben in früherer Zeit die Erfahrung gemacht, dass sie kein Gehör finden, dass man ihnen nicht glaubt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Menschen eine große Überwindung kostet, sich mit so etwas zu outen. Außerdem haben wir es hier überwiegend mit homosexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen zu tun. Die Opfer waren bei der KJF alles Buben, die von überwiegend männlichen Erziehern oder Pfarrern sexuell belästigt, missbraucht oder körperlich schwer gezüchtigt wurden. Homosexueller Missbrauch wird von vielen Opfern als doppelt schambehaftet empfunden.
 

"Natürlich sind die Zahlungen nur ein symbolhafter Akt der Entschuldigung. Das, was diesen Menschen widerfahren ist, kann man nicht wieder ungeschehen machen."
Sind die Fälle, die in der KJF passierten, aufgearbeitet?

Manche sind noch in Bearbeitung. Erst in jüngerer Zeit sind noch Fälle an uns herangetragen worden. Unsere externen Missbrauchsbeauftragten, Kirstin Dawin und Martin Miebach, übermitteln die Informationen an die 'Unabhängige Kommission zur Anerkennung des Leids' (siehe Info-Kasten unten), die die Fälle offiziell aufklärt. In der Regel ist es so, dass wir 5000 Euro und das Ordinariat weitere 5000 Euro bezahlen, auch therapeutische Behandlungskosten werden bezahlt. Wir leisten Zahlungen auch dann, wenn wir in der Zeit des Missbrauchs nicht Träger waren. Natürlich sind die Zahlungen nur ein symbolhafter Akt der Entschuldigung. Das, was diesen Menschen widerfahren ist, kann man nicht wieder ungeschehen machen.

Warum zahlt die KJF auch in Fällen, die vor der Zeit der KJF-Trägerschaft passierten?

Wir haben Verantwortung auch für diejenigen Einrichtungen, die zur Zeit des Missbrauchs nicht unter unserer Flagge segelten, denn irgendwann gehörten sie mit zur Flotte. Das ist eine Frage des Anstands.

Gibt es auch aktuelle Fälle?

Dazu würde ich Fälle im Clemens-Maria-Kinderheim aus dem Jahr 1969 zählen, bei denen es um körperliche Gewalt geht. Kinder sollen von Ordensfrauen geohrfeigt worden sein. Auch wenn es schwierig ist, so lang zurückliegende Taten aufzulösen, ärgert mich die Tatsache, dass die Aufarbeitung durch die unabhängige Kommission so zögerlich erfolgt.
 

"Wir haben Verantwortung auch für diejenigen Einrichtungen, die zur Zeit des Missbrauchs nicht unter unserer Flagge segelten, denn irgendwann gehörten sie mit zur Flotte. Das ist eine Frage des Anstands."

Bartholomäus Brieller, KJF-Vorstandsvorsitzender
Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA)

Zum 1. Januar 2021 wurde auf Beschluss der deutschen Bischöfe das erweiterte Verfahren zu Leistungen in Anerkennung des Leids, das Betroffenen sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde, im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz eingerichtet. An dem Verfahren beteiligen sich auch weitere kirchliche Institutionen, vor allem eine große Zahl von Ordensgemeinschaften, die der Deutschen Ordensobernkonferenz angehören. Die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA) nimmt die Anträge der Betroffenen über die Ansprechperson der Diözese oder der Ordensgemeinschaft entgegen, legt eine Leistungshöhe fest und weist die Auszahlung an Betroffene an. Die UKA ist bundesweit tätig, sodass bundesweit im Sinne einer Gleichbehandlung mit vergleichbaren Entscheidungen zu rechnen ist. Ihr gehören Fachleute aus den Bereichen Recht, Medizin und Psychologie an. Die Mitglieder wurden durch ein mehrheitlich nichtkirchliches Fachgremium vorgeschlagen und vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, berufen. Die Kommissionsmitglieder stehen in keinem Anstellungsvertragsverhältnis mit der katholischen Kirche und arbeiten weisungsunabhängig. Derzeit gehören der Kommission elf Mitglieder an, darunter fünf Juristinnen und Juristen und sechs Psychologinnen und Psychologen, sechs sind Frauen, fünf Männer.

Was bedeutet der Vertrauensverlust in die Institution Kirche für einen kirchlich-karitativen Fachverband wie die KJF, der das "Katholische" sogar im Namen trägt?

In meinen Anfangsjahren bei der KJF haben wir vor einem ganz anderen Hintergrund die Diskussion geführt, ob es von Vorteil oder von Nachteil ist, wenn wir uns 'katholisch' nennen. Damals mit dem Hintergrund, dass das Katholische ein wenig altbacken besetzt war, das Gegenteil von modern und dynamisch. Interessanterweise kommen wir aus einer Tradition, in der in den Gründerjahren und in den Anfangsjahrzehnten des Vereins die KJF für genau diese Eigenschaften stand: modern, schnell und mit einer modernen Pädagogik. So haben die Gründungsväter und -mütter der KJF etwa auf Zwangserziehungsgesetze das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz Einfluss genommen. Im Mittelpunkt stand am Anfang das ganze Elend im Zuge der Industrialisierung zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Unter den Zuständen litten Kinder und Jugendliche ganz besonders. 

Und die Entscheidung fiel gegen eine Namensänderung.

Das Fazit unserer Diskussion war: Wir dürfen nicht den Namen ändern, sondern wir müssen innerhalb der Caritas-Familie im Engeren und innerhalb der Kirche im Weiteren dafür sorgen, dass sich etwas zum Besseren entwickelt, auch wenn das in einem hierarchischen System wie der katholischen Kirche schwierig ist. Die KJF versuchte immer, Antworten auf die Herausforderungen der jeweiligen Zeit zu finden. Dafür müssen wir uns ein Stück weit immer wieder selber neu erfinden im Sinne von modernisieren und verbessern. Das gilt natürlich ganz besonders in diesen Zeiten der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle.

Wie passt dazu das Zögerliche in der Bearbeitung der Fälle durch die Kommission?

Das belastet mich sehr. Denn die Verzögerungen in der Aufarbeitung sind fast genauso katastrophal wie der sexuelle Missbrauch selbst. Den Opfern wird der Eindruck vermittelt, dass sie nicht ernst genommen werden, dass die Verantwortlichen das aussitzen wollen. Für mich ist das die zentrale Frage: Wie gehe ich mit Missständen um? Die Verantwortung, die ich für mich persönlich sehe, ist es, die Aufarbeitung zu unterstützen und zu beschleunigen.

"Die Verzögerungen in der Aufarbeitung sind fast genauso katastrophal wie der sexuelle Missbrauch selbst."
 
Es gibt auch in anderen Institutionen Missbrauch. Was ist der Unterschied zu den Fällen in der Kirche?

Zum einen ist die Kirche eine Institution, die seit 2000 Jahren den Menschen erzählt, wie sie sein sollen, und wie sie moralisch richtig handeln. Zum anderen war die Kirche auch immer ein Ort, wohin Menschen in Not sich vertrauensvoll wenden konnten. Sexueller Missbrauch durch Geistliche oder innerhalb kirchlicher Institutionen wird deshalb intensiver wahrgenommen, als wenn er in einem Sportverein passiert. Hinzu kommt, dass die Taten von der Kirche obendrein noch lange Zeit bewusst vertuscht wurden. 

Wie kann die Kirche das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen?

Dafür gibt es leider kein Rezept. Der lange Weg führt nur über solide Arbeit, eine neue Offenheit, ein ehrliches zu dem Stehen, was war, und dem aufrichtigen Versuch der Wiedergutmachung. Fundamental wichtig ist eine Beschleunigung der Wiedergutmachung. Es kostet uns noch mehr Glaubwürdigkeit, wenn bei der Aufarbeitung alles so lange dauert. Die Leute unterstellen uns damit zurecht, dass wir auf Zeit spielen in der Hoffnung, dass Gras über die Dinge wächst. 

"Die erste Devise heißt: Im Zweifel lieber zu früh und zu intensiv in die Prävention reingehen, als auch nur einen Fall zu übersehen."

Bartholomäus Brieller, KJF-Vorstandsvorsitzender

Wie werden Missbrauchsfälle in der KJF in Zukunft verhindert? 

Die Wichtigkeit dieses Themas muss immer wieder neu in den Köpfen verankert werden. Bei allem, was uns im Alltag beschäftigt: Wir müssen regelmäßig hinschauen und uns auch mit der Basis besprechen. So manchem Bischof wirft man vor, sich zum Teil blind darauf verlassen zu haben, dass ein Geistlicher so etwas nicht macht. Die verwerflichsten Fälle sind natürlich die, in denen der Bischof wusste, dass der Geistliche eine perverse Gestalt ist und sich trotzdem nicht darum gekümmert hat. Wir müssen unsere Schutzkonzepte immer wieder hinterfragen, sie an neue Gegebenheiten und Erfahrungen anpassen und sie mit den Empfehlungen, die wir von der Kirche oder vom Spitzenverband bekommen, abgleichen. Ich frage bei den Einrichtungsleitungen nach: Wie laufen eure Mitarbeiter- und Fachgespräche? Ist etwas kritisch zu betrachten?
Schürt das nicht ein permanentes Misstrauen?

Es ist eine große Kunst für die Mitarbeitenden, die als Pädagoginnen und Pädagogen vor Ort arbeiten, das Thema nicht über zu betonen, in eine Misstrauenskultur zu geraten, etwa dass keiner mehr dem anderen traut, wenn der mit einem Kind alleine ist. Das wäre kontraproduktiv. Aber bisher gab es in der Kirche ja eine Art Wegschau-Kultur. Ich unterstelle, dass viele etwas geahnt oder manche vielleicht sogar gewusst haben, aber keiner hatte die Courage, etwas zu tun. Ich muss dorthin schauen, wo ich glaube, eine Kollegin oder ein Kollege gehen nicht korrekt mit einem Kind um, wo ich den Verdacht habe, dass sich da etwas entwickeln könnte, das nicht sauber ist. Aber es bleibt eine knifflige Gratwanderung.

Wie wäre das Vorgehen, wenn es heute einen Verdachtsfall in einer der Einrichtungen der KJF gäbe?

Die erste Devise heißt: Im Zweifel lieber zu früh und zu intensiv in die Prävention reingehen, als auch nur einen Fall zu übersehen. Unsere Missbrauchsbeauftragten sind von jedermann ansprechbar: Betroffenen, Betreuten, Mitarbeitenden, Eltern. Man findet sie und ihre Kontaktdaten auf unserer Website. Es war eine kluge Lösung des Ordinariats, sie als Duo einzusetzen. Eine Person hat eine juristische Ausbildung und ist nah am Ordinariat angesiedelt. Die andere ist Fachpsychologin, dem Ordinariat gegenüber nicht berichtspflichtig und steht als qualifizierte Ansprechpartnerin zur Verfügung. 

Können Sie verstehen, dass Menschen jetzt aus der Kirche austreten?

Ja, das kann ich nachvollziehen. Das Missbrauchsthema treibt die Leute um, so wie es mich selbst auch umtreibt. Aber wenn wir der Kirche den Rücken kehren, wird ja nichts besser. Dann sind wir weg und können nichts mehr von innen heraus beeinflussen. Fakt ist: Die katholische Kirche hat versagt. Ich bin jedem Geistlichen dankbar, der sich das auch auszusprechen traut. Denn nur dann, wenn ich erkenne, wo ein komplettes System schiefläuft und ich das auch zugebe, habe ich die Chance, die die katholische Kirche im Moment hat: sich grundlegend umzugestalten. Das geht nicht mit Wegducken, denn dann fehle ich als kritische Stimme. Sollten Mitarbeitende auf mich zukommen, weil sie aus der Kirche austreten wollen, werde ich dafür werben zu bleiben. Wer nicht bleiben möchte, wird nicht automatisch gekündigt. Mögliche Gewissenskonflikte gilt es aber gemäß der 'Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse' der Deutschen Bischofskonferenz abzuwägen. 

Wenn Sie heute ein Freund fragen würde: 'Wie kannst du nach allem, was passiert ist, noch für die Kirche arbeiten?', was würden Sie antworten?

Diese schwierige Frage ist mir schon mehrfach gestellt worden. Ich antworte: Ich bin noch in dieser Kirche trotz aller Missstände, weil mir die Grundidee des katholischen Glaubens mit dem Gebot der christlichen Nächstenliebe gefällt und ich überzeugt bin, dass es eine Institution wie die Kirche trotz aller Mängel und Schwachstellen braucht, um die christliche Idee weiterzugeben. Der Glauben fällt nicht wie Regen vom Himmel, sondern muss durch Menschen transportiert werden. Mir ist bewusst, dass Organisationen, in denen Menschen arbeiten, fehlerhaft sind. Es sind Sünderinnen und Sünder darunter, die Verbrechen begehen und diese vertuschen. Aber ich sehe auch viele Menschen innerhalb der Kirche, die das Gute erhalten, weiterentwickeln und Reformen anstoßen wollen. 

Interview: Gabriele Heigl, KJF-Pressesprecherin