• Wir geben Menschen eine Zukunft
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Vom Clemens-Maria-Kinderheim in die große Welt

Eine junge Frau geht ihren Weg

Joceline Alli ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Als Kind sucht sie sich ein Waisenhaus, weil sie weg muss aus ihrem schwierigen Elternhaus. Und heute – noch nicht volljährig – hat sie schon genaue Pläne für ihre Zukunft. Eine erste große Hürde hat sie jetzt geschafft: Sie hat ihr Abitur abgelegt – mit einem Notendurchschnitt von 1,7. Ihr Ziel: der Tower eines Flughafens.

 
Joceline Alli hat sich selbst beste Voraussetzungen für eine hoffnungsvolle Zukunft geschaffen. Foto: Gabriele Heigl/KJF

Genau genommen hat Joceline (zum Zeitpunkt des Gesprächs 17) zwei Abiturabschlüsse: die deutsche Allgemeine Hochschulreife und das französische Baccalauréat. Seit ihrer Geburt in Deutschland besucht sie zweisprachige Einrichtungen, erst eine französisch-sprachige Kindertagesstätte und Grundschule, danach das französische Gymnasium Lycée Jean Renoir in der Münchner Berlepschstraße. "Das war vielleicht das einzig Gute, was mir meine Eltern mitgegeben haben", meint sie mit sarkastischem Unterton. Sie ist nicht gut auf ihre Eltern, die aus dem Togo stammen, zu sprechen. Joceline lässt anklingen, dass sie Gewalterfahrungen machen musste, aber sie will nicht darüber sprechen. Im Alter von neun Jahren macht sie sich auf die Suche nach einem Waisenhaus. "Ich wollte nur noch weg von meinen Eltern. Es war kein gesundes Environment."


Statt Molière lieber Goethe


Das Fremdwort "Environment", französisch für Umgebung, das es auch im Englischen gibt, spricht sie mit leicht französischem Akzent aus. Ihr Deutsch ist ausgefeilt und ganz und gar nicht alltäglich. Der Unterricht am Lycée wird in Französisch gehalten, Deutsch als Fremdsprache gelehrt. Das Fach Deutsch mochte sie sehr, anders als Französisch. "Ich kann mit französischer Literatur einfach nichts anfangen", sagt sie, und als man Molière erwähnt, verdreht sie die Augen. Ganz anders beurteilt sie Werke der deutschen Klassik-Größen Goethe und Schiller. "Davon kann ich nicht genug bekommen." Als sie das Waisenhaus mit 16 Jahren verlassen muss, macht sie sich wiederum auf die Suche nach einer Bleibe und wird in der Münchner Jugendwohngruppe Öttlmairstraße, einer Einrichtung des Clemens-Maria-Kinderheims, fündig.

Zum Interview wird Joe, wie sie von allen genannt wird, von Sabine Kotrel-Vogel, der Zentrumsleiterin des Kinderheims begleitet, denn zum Zeitpunkt des Gesprächs ist sie noch nicht volljährig. Eine Woche später können beide, Joceline und Sabine Kotrel-Vogel, am selben Tag, 31. Juli, Geburtstag feiern. "Joe hat mir von Anfang an imponiert. Sie strahlt Ruhe und Entschlossenheit aus – ungewöhnlich für solch einen jungen Menschen", meint Kotrel-Vogel. Auf die Frage, was das Clemens-Maria-Kinderheim für sie bedeutet, meint Joe lapidar: "Das Vorstellungsgespräch war sehr gut. Und ich bin immer noch hier." Heißt: Ich fühle mich wohl in der Einrichtung.


Die Zeit im Gymnasium sei wegen des anstrengenden Schulalltags "definitiv hart" gewesen, vor allem in der 10. Klasse. Zuletzt musste sie deswegen ihre Hobbys vernachlässigen. Joe spielte gerne Theater und war Mitglied einer Band, in der sie sang und ab und zu auch das Schlagzeug spielte. Abitur zu machen ist immer herausfordernd. In Zeiten von Corona wird es zum Nervenspiel. "Wir dachten zunächst, dass der Lockdown nach zwei Wochen wieder erledigt ist", so Joe. Sie ist den Lehrkräften dankbar für deren Einsatz im Digital-Unterricht. Ein weiteres Problem kam hinzu. Wegen einer Vorerkrankung muss sie eine Ansteckung mit dem Corona-Virus unbedingt vermeiden. "Ihre Wohngruppe stand komplett hinter ihr. Alle waren besonders vorsichtig, um Joe nicht zu gefährden", erzählt Sabine Kotrel-Vogel.

 

"Stress macht mir nichts aus, er fördert meine Leistungsfähigkeit."  
  Joceline Alli, Abiturientin aus München. Foto: Gabriele Heigl/KJF


Sie liebt eng getaktete Tage

Während sich die bayerischen AbiturientInnen vom achtstufigen Gymnasium verabschieden durften und wie früher wieder in neun Jahren zum Abitur kommen können, musste Joceline ihr Abitur sogar schon nach sieben Jahren absolvieren, denn die französisch-sprachige Grundschule umfasst fünf Schuljahre. Ihre Schwerpunktfächer beim Abitur waren Soziale Wirtschaft und Mathematik, außerdem lernte sie drei Fremdsprachen, neben Deutsch und Englisch auch Spanisch. Dass sie einen Schnitt von 1,7 schaffen würde, hätte sie vorher nicht geglaubt. Jetzt ist sie nur noch erleichtert.

Ende Juni war die feierliche Zeugnisverleihung. Weder ihre Eltern, noch ihr jüngerer Bruder Jarod (12) waren da. Kein Grund für Joe traurig zu sein. "Ich hatte meine Schulfreundinnen und -freunde um mich." Auch Jarod lebt nicht mehr bei den Eltern; er ist in der Nähe von Augsburg in einer Kinderbetreuungseinrichtung untergebracht.

Und nun, welche Pläne hat sie für die Zukunft? Da muss sie nicht lange überlegen. Erst mache sie ein Freiwilliges Soziales Jahr an den Münchner Kammerspielen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Danach will sie ihr großes Ziel verwirklichen und eine Ausbildung zur Fluglotsin machen. Über das schwierige und umfangreiche Aufnahme-Procedere hat sie sich schon genauestens informiert. Fragebogen, dann Persönlichkeits- und psychologischer Check. "Die wollen wissen, ob man Fluglotsen-Material ist", meint sie trocken. Wenn man dann zu diversen auch medizinischen Tests nach Hamburg eingeladen wird, hat man es fast geschafft. Joe durfte einmal den Tower im Münchner Flughafen besuchen und den FluglotsInnen bei der Arbeit zusehen. "Seither ist mein Wunsch, Fluglotsin zu werden, noch gewachsen." Und was ist mit dem Stress, dem man in diesem berüchtigten Beruf ausgesetzt ist? Er schreckt Joceline nicht, im Gegenteil. "Stress macht mir nichts aus, er fördert meine Leistungsfähigkeit." Außerdem möge sie es, wenn ihre Tage eng getaktet seien und sie dennoch die Kontrolle habe. Definitiv "Fluglotsen-Material".


Das Leben ausschöpfen


Jetzt geht es aber erst mal in die Ferien. Zusammen mit ihrer Wohngruppe von sechs Mädchen und drei Jungs fährt sie an den Bodensee. Kein Trip in die Heimat ihrer Eltern? 2010 zur Fußballweltmeisterschaft in Südafrika sei sie schon einmal in Togo gewesen. "Das war eine interessante Erfahrung. Danach habe ich es geschätzt, in Deutschland aufgewachsen zu sein." Zum Beispiel würden Frauen in Deutschland besser geachtet, sie hätten mehr Freiheiten. Was ist mit rassistischen Anfeindungen in Deutschland? Im Heim und in den Schulen habe es überhaupt keine Probleme gegeben, wenngleich sie sich auf dem Gymnasium ein paar weitere farbige Mädchen als die drei, die es gab, gewünscht hätte. "Und ich hatte mehr Kontakt mit der Polizei, als mir lieb war", meint sie ironisch und lächelt. Rassismus ist zum Glück kein Thema, das ihr zusetzt.

Zentrumsleiterin Sabine Kotrel-Vogel: "Ich bin beeindruckt, was Joe in diesem besonderen Jahr geschafft hat." Sie sei eine junge Frau, die viel ausprobieren und das Leben voll ausschöpfen wolle. "Ich wünsche ihr von Herzen alles Gute für ihren Lebensweg." Sie muss sich allerdings um Joceline Alli keine Sorgen machen. Denn dieses 17 Jahre alte Mädel antwortet auf die Frage, wo sie sich in zehn Jahren sieht, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken: "Dann habe ich Stabilität, verfüge über Ressourcen, auf die ich mich verlassen kann, habe ein gutes soziales Umfeld und bin glücklich, mit dem, was ich habe."

Text: Gabriele Heigl

Unsere Einrichtung: Clemens-Maria-Kinderheim

Der Haupteingang des Clemens-Maria-Kinderheims in Putzbrunn. Foto: Gabriele Heigl/KJF

Das Clemens-Maria-Kinderheim mit Angeboten in Putzbrunn und Aying bei München sowie im Stadtgebiet München ist eine Betreuungseinrichtung mit über 100-jähriger Geschichte. Das Spektrum von über 130 stationären und 33 teilstationären Plätzen umfasst heilpädagogische Gruppen für Kinder im Alter ab drei Jahren, Inobhutnahme-Gruppen für Mädchen und Jungen ab drei Jahren, eine heilpädagogisch-integrative Jugendgruppe für Mädchen und Jungen für diverse Altersstufen, eine intensivpädagogische Gruppe für Mädchen und Jungen ab drei Jahren und eine heilpädagogische Tagesstätte (HPT) mit drei Gruppen für Kinder und Jugendliche. Dem Heim angeschlossen ist die Clemens-Maria-Hofbauer-Schule, ein privates staatlich genehmigtes Förderzentrum zur emotionalen und sozialen Entwicklung mit einer Stütz- und Förderklasse für Kinder der ersten bis vierten Klassenstufe. Darüber hinaus gibt es unterstützende Angebote, wie einen psychologischen und pädagogischen Fachdienst, Logopädie, Ergotherapie, Kunsttherapie und Krankengymnastik.

Text: Gabriele Heigl