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Generationswechsel: Stephan Dauer verlässt das Salberghaus

"Erfolge hast du nicht allein"

 

Es ist keine gute Zeit, um sich aus dem Berufsleben zu verabschieden, vor allem dann nicht, wenn man die letzten 29 Jahre bei einer einzigen Einrichtung gearbeitet und diese sechs Jahre lang als Leiter auch maßgeblich geprägt hat. Keine Festlichkeiten, kein Umtrunk, keine Umarmungen. Für Stephan Dauer, Noch-Einrichtungsleiter des Salberghauses, ist das aber kein Grund, enttäuscht zu sein.

29 Jahre in 29 Kalenderbüchern: Stephan Dauers Nachfolgerin wird in große Fußstapfen treten. Foto: Gabriele Heigl/KJF 

Ende Mai 2020. Dem Büro von Stephan Dauer sieht man es nicht an, dass er die Leitung der Putzbrunner Einrichtung bald an seine bisherige Stellvertreterin, Agnes Gschwendtner, übergeben wird. Regale, Schränke und Schreibtisch, allesamt Antiquitäten aus seinem Privatbesitz, sind noch gut belagert mit Ordnern, Büchern und Unterlagen. Es ist zweifellos noch viel zu tun bis zu seinem Abschied Ende Juli. Dennoch nimmt er sich für das Gespräch nicht nur doppelt so viel Zeit als geplant, sondern führt auch noch einmal durch "sein" Haus. Ganz offensichtlich stolz und vielleicht in dem Wissen, dass es wohl eine seiner letzten Führungen dieser Art für ihn sein wird. Offen gezeigte Sentimentalitäten aber sind diesem Mann fremd.

 

Am 31. Juli werden Sie zum letzten Mal als Einrichtungsleiter das Salberghaus betreten. Ursprünglich sollten Sie beim alljährlichen großen Sommerfest in den Ruhestand verabschiedet werden. Wie groß ist Ihre Enttäuschung, dass daraus corona-bedingt nichts wird?
Stephan Dauer: Ach, ich sehe das pragmatisch. Man muss nicht immer eine große Sause machen. Dafür werde ich mir die Zeit nehmen, mich individuell von meinen Mitarbeitenden zu verabschieden.

 

Die letzten Monate – dieser Corona-Ausnahmezustand, der auch noch anhält – waren kein gutes Finish für Ihre vielen Jahre im Salberghaus.
Wir mussten schnell und flexibel reagieren. Da wir für Infektionsfälle im Haus gewappnet sein wollten, haben wir ein eigenständiges Schutz- und Hygienekonzept erarbeitet und eine Art Schleuse eingerichtet für Kinder, die neu in die Einrichtung kommen. Die Kinder bleiben zwei Tage in diesem separierten Bereich, in dem sechs freiwillige Kolleginnen arbeiten. Wenn ein Test durch unsere Kinderärztin nach 35 Stunden negativ ist, wird das Kind in eine normale Gruppe aufgenommen. Zum Glück wurde noch kein Neuankömmling positiv getestet. Es wäre aber auch alles für eine Positivgruppe vorbereitet.

Zur Person

Stephan Dauer (61) begann 1991 als Erziehungsleiter im Salberghaus. Seit sechs Jahren ist er Einrichtungsleiter. Nach dem Abitur und dem Zivildienst beim Berufsbildungswerk in Kirchseeon studierte der geborene Steinhöringer zunächst Lehramt für Hauptschule, wechselte dann aber auf Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie. Nebenher arbeitete er als Assistent für psychologische Forschungen am Max-Planck-Institut. Danach ging er für vier Jahre als Bereichsleiter wieder zum Berufsbildungswerk. Da er im Kleinkinderbereich arbeiten wollte, bewarb er sich schließlich bei der KJF. Stephan Dauer ist verheiratet und wohnt in Grafing. Er macht gerne Sport (Radfahren, Eishockey, Motorrad), sammelt mit Leidenschaft Antiquitäten und geht gern auf Kunstauktionen. Außerdem vermittelte ihm sein Vater, ein Kunsthistoriker, ein tiefes Interesse für Kirchen. Auf die Frage, was er die nächsten Jahre machen möchte, antwortet er spontan: "Ich fahre mit dem Motorrad durch die Welt und schaue mir Kirchen an." Text: Gabriele Heigl

Corona ist eine von sicher vielen bedeutsamen Wegmarken für das Salberghaus. Blicken Sie doch für uns einmal zurück auf Ihre Zeit in der Einrichtung.
Diese Jahre waren vor allem geprägt durch einen enormen Wachstumsprozess. Der äußerte sich zum einen in umfangreichen Baumaßnahmen. Diese waren notwendig geworden, um die Raumstrukturen der Wohngruppen modernen Ansprüchen an eine therapeutische Einrichtung anzupassen und um die Auflagen des Brandschutzes zu erfüllen. Sie fanden ihren Abschluss mit der Einweihung des neuen Salberghauses. Knapp zehn Jahre später stand schon der nächste Umbau vor der Tür: Das Therapiegebäude wurde saniert und um eine Etage aufgestockt, um den stationären Wohngruppenbereich zu erweitern. Aber wir erweiterten auch den Umfang unserer anderen Angebote.

 

Welche kamen hinzu?
Unter anderem haben wir unsere Vorschul-Heilpädagogische Tagesstätte auf inzwischen vier Gruppen erweitert und eine weitere Notaufnahme- beziehungsweise Inobhutnahmegruppe eröffnet.  Darüber hinaus übernahmen wir die Trägerschaft der städtischen Kinderkrippe Sonnenwelt in der Münchner Lindwurmstraße, wir eröffneten eine Kinderkrippe und einen Kindergarten in kommunaler Trägerschaft für die Gemeinde Putzbrunn, eine weitere Kinderkrippe in Ottobrunn und eine Kooperationseinrichtung in Riem. Erst im letzten Jahr wurde die Kinderkrippe St. Bernadette in München Bogenhausen Teil unserer Kindertageseinrichtungen. Zuletzt wurde das Team der Ambulanten Erziehungshilfen für den Landkreis München Teil unserer aufsuchenden Pädagogischen Familienhilfe.

 

Können Sie Zahlen zu Betreuten und Mitarbeitenden nennen?
In diesen Jahren entwickelten wir uns schrittweise zur größten Einrichtung des Kinder- und Jugendhilfebereichs der KJF. 236 Mitarbeitende kümmern sich derzeit um mehr als 450 Betreute. Mit Ausnahme einer Schule verfügt das Salberghaus über alle Angebote im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Auch im Bereich Behindertenhilfe sind wir mit unserer Vorschul-Heilpädagogischen Tagesstätte inzwischen aktiv.

 

Das klingt alles nach einem gestiegenen Bedarf.
Ja, der ist nicht zu leugnen. Der Bedarf für eine intensive vorschulische Betreuung nimmt immer mehr zu. Nach meiner Einschätzung und Erfahrung hat das gesellschaftliche Gründe. Viele der Kinder stammen aus Patchwork-Familien, haben einen Migrationshintergrund oder müssen mit Trennungserlebnissen fertig werden. Anpassungsschwierigkeiten und Autismusspektrum-Störungen nehmen zu. Der Bedarf in der Betreuung geht natürlich einher mit einem erhöhten Personalbedarf. Und das unter dem Spardiktat der öffentlichen Haushalte bei der Kinder- und Jugendhilfe. Kurz: Die Zukunftsperspektiven sind herausfordernd.

 

Ab 31. Juli ist das nicht mehr Ihr Problem, aber man merkt, wie sehr Sie noch drin sind im Tagesgeschäft. Was werden Sie vermissen?
Ich hatte hier ein tolles Team und empfinde diesem gegenüber eine tiefe Dankbarkeit. Es hat mir ermöglicht, gemeinsam mit ihm so viel zu gestalten. Erfolge hast du nicht allein. Die erringst du nur gemeinsam. Dieses Teamwork werde ich sicher vermissen. Aber nicht nur das, das Salberghaus war ja wie ein zweites Zuhause für mich. Ich muss lernen, das jetzt loszulassen.

Interview: Gabriele Heigl

Unsere Einrichtung: Salberghaus
Das Anfang der Nuller-Jahre renovierte Salberghaus. Foto: Gabriele Heigl/KJF
Das Salberghaus ist eine fachlich anerkannte Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung mit vielfältigen stationären, teilstationären und ambulanten Angeboten für Kinder im Alter von 0 bis 10 Jahren. Neben der Betreuung und Förderung der Kinder stellt die Beratung, Begleitung und Unterstützung von Eltern und Familien einen wichtigen Bestandteil der Arbeit dar. Das Angebot umfasst Therapeutische Wohngruppen, Notaufnahme, Fachdienste, Heilpädagogische Tagesstätte, Kindertageseinrichtungen und Pädagogische Familienhilfe.

 

"Ich habe mich nie verbiegen lassen"

Ich arbeite nun seit fast 29 Jahren im Salberghaus, einer sehr außergewöhnlichen Einrichtung in der deutschen Kinder- und Jugendhilfelandschaft in Trägerschaft der KJF. Erst als Erziehungsleiter und ständiger Stellvertreter der Leitung, später als Pädagogischer Leiter und seit 2014 als Gesamtleiter. Ich habe in all der Zeit immer versucht, den Blick auf das Wesentliche zu richten und auch zu behalten: auf das Wohl der uns anvertrauten Kinder und auf die Arbeitsbedingungen unserer KollegInnen.

Ich darf behaupten, dass dies nicht immer einfach war, da es in den ersten Jahren nicht einmal eine richtige Betriebserlaubnis für die Einrichtung gab, die damals bis auf eine Vorschul-HPT-Gruppe* ausschließlich eine vollstationäre Einrichtung für Säuglinge und Kleinkinder war. Es bedurfte großer Anstrengungen und enormen Durchhaltevermögens eines starken Leitungsteams dieses altehrwürdige Haus in eine moderne, im Bereich der stationären Unterbringung kleiner Kinder wegweisende Einrichtung mit zunehmend ausdifferenzierten Angeboten von Kindertageseinrichtungen bis hin zu präventiven Angeboten zu entwickeln. Dabei galt es, eine Vielzahl von Menschen für diese Entwicklung zu begeistern und auf diesem Weg mitzunehmen.

So wurde das Salberghaus unter anderem als erste Einrichtung der KJF im Jahr 2013 auch mit dem Prädikat "Great Place To Work®" ausgezeichnet.

Ich empfinde zum Ende meiner Arbeit im Salberghaus eine große Dankbarkeit gegenüber den Mitarbeitenden und vor allem gegenüber den Menschen, die mich über eine teilweise lange Zeit in meiner Arbeit begleitet, unterstützt und immer wieder bestärkt haben, sodass trotz der ständig großen Herausforderungen und manchmal auch schwer nachvollziehbarer Entscheidungen des Trägers, diese Aufgabe sinnstiftend und zutiefst erfüllend für mich war.

Dabei – so glaube ich – habe ich mich nie verbiegen lassen und gelte bis heute als harter Verhandler für die Anliegen des Salberghauses, einer wunderbaren Einrichtung der KJF. Ich möchte mich an dieser Stelle auch ausdrücklich bei unseren Vorständen für die gerade in den letzten beiden Jahren hervorragende Zusammenarbeit bedanken. Ich verlasse das Salberghaus mit einer Fülle von Erfahrungen, Erlebnissen und Anekdoten, die mein Leben so sehr bereichert und geprägt haben.

Ich wünsche meiner Nachfolgerin Agnes Gschwendtner viel Erfolg und alles erdenklich Gute für ihre neue Aufgabe, denn die zukünftigen Herausforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe werden, wie in all den Zeiten zuvor, enorm sein.

Ihr Stephan Dauer

*HPT = Heilpädagogische Tagesstätte