• Wir geben Menschen eine Zukunft
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Jugendopfersonntag am 1. Advent

Einfach teilhaben können
- auch wenn nichts einfach ist

Hilfreiche Hände sind etwas Wunderbares. Aber manchmal reichen sie nicht. Manchmal brauchen HelferInnen und auch diejenigen, die der Hilfe bedürfen, die Unterstützung durch Technik. Das gilt auch für die teils sehr beeinträchtigten KlientInnen des Behandlungszentrums Aschau. Doch technische Hilfsmittel sind teuer. Gut, dass die Kirchenkollekte für die KJF am ersten Adventssonntag in diesem Jahr der Einrichtung in Aschau zur Verfügung stehen wird.

Der acht Jahre alte Leonhard fühlt sich wohl in Aschau. Er ist fast seit seiner Geburt dort in Behandlung. Foto: KJF/Peter Raider

Leonhard (8) ist nicht ganz bei der Sache. Ausmalen hat die Lehrerin als Aufgabe gestellt, aber das ist seine Sache nicht. Sein Lieblingsfach ist die Mathematik. Der schmale Junge ist auf Beinschienen und Krücken angewiesen. Aber die können hier nicht als Ausreden gegen das Ausmalen herhalten. Also ran an die Buntstifte – nützt ja nichts.

Jugendopfersonntag -
Kollekte für Menschen in Not

Der erste Adventssonntag in jedem Jahr wird als "Jugendopfersonntag" bezeichnet. Die Kollekten, die an diesem Tag in den katholischen Kirchen der Erzdiözese München und Freising gesammelt werden, kommen Einrichtungen der KJF München e.V. zugute. Jährlich rotierend erhält ein anderer Verbund projektbezogen 90 Prozent der gesammelten Gelder. Die restlichen 10 Prozent gehen an "Unbürokratische Hilfen für Kinder in Not" der Geschäftsstelle. Der Spendenaufruf geht aus vom Erzbischöflichen Ordinariat an alle Pfarrer der Erzdiözese und wird auch in deren Amtsblatt veröffentlicht.


Wenn Leonhard, der wegen Spina bifida fast seit seiner Geburt in Aschau behandelt wird, auf körperliche Hilfe angewiesen ist, stellt er seine BetreuerInnen noch vor keine großen Herausforderungen, denn er ist klein und leicht und nicht schwerbeeinträchtigt.

Leonhard beim Hausaufgabenmachen in der Tagesstätte des Behandlungszentrums. Foto: Gabriele Heigl


Zwei andere Betreute in Aschau benötigen mehr körperliche und technische Unterstützung. Lukas (13), seit 2006 in Aschau in Behandlung, ist durch seine Gelenksteifigkeit sehr beeinträchtigt. Treppen kann er nur seitlich hinabsteigen. Er ist auf seinen elektrischen Rollstuhl angewiesen. Auch Manpret, genannt Manu, benötigt wegen ihrer Spastiken an Armen und Beinen einen Rollstuhl. Außerdem braucht sie, weil sie sich nicht verbal mitteilen kann, unterstützende kommunikative Hilfsmittel, etwa durch einen sogenannten Talker. Leopold Wimmer, Leiter Fachdienste und Therapien im Behandlungszentrum (BZ) Aschau, kennt Manu gut: "Sie ist zwar körperlich eingeschränkt, aber ein fröhlicher Mensch mit einem herrlichen Humor." Zwei Beispiele von vielen in Aschau.

Leopold Wimmer, Leiter Fachdienste und Therapien der BZ Aschau GmbH. Foto: Gabriele Heigl
"Oft jammern die Gesunden mehr als die Behinderten."


Wimmer arbeitet seit November 2018 im Betreuungszentrum (BZ) Aschau. Der 43-Jährige hat soziale Arbeit studiert, und war zuvor bereits als Zivildienstleistender, in einem Kindergarten und in Wohngruppen im Behinderten-Bereich tätig. "Ich mag die Arbeit mit Behinderten, sie liegt mir." Es sei eine wertvolle und lehrreiche Tätigkeit. Und er ergänzt: "Oft jammern die Gesunden mehr als die Behinderten."

Das gleiche Recht auf Spaß wie alle

Aus seiner täglichen Arbeit kennt Leopold Wimmer die Hindernisse und Barrieren, mit denen die Betreuten und seine KollegInnen im BZ Aschau täglich zu kämpfen haben. Die Betreuten seien oftmals schwer beeinträchtigt und hätten großen Unterstützungsbedarf. Etwas zu unternehmen, einen Ausflug zu machen oder in den Club zu gehen, eben einfach am Leben teilhaben – das ist oft nur sehr erschwert möglich.

Manpret und ihre Betreuerin kämpfen sich durch den Kies. Foto: Peter Raider/KJF


Leopold Wimmer: "Unsere Kinder und Jugendlichen hier in Aschau haben das gleiche Verlangen und das gleiche Recht auf Freizeit, Spaß und Erholung, wie wir alle." Oftmals sind es nur Kleinigkeiten, die dem im Wege stehen: Treppen, Kopfsteinpflaster, Schotterwege. Schotter oder Kies kann mit einem Rollstuhl nur mit großer Kraftanstrengung oder gar nicht befahren werden. Steigungen verlangen den BetreuerInnen ganzen Körpereinsatz ab. "Die körperlichen Belastungen sind extrem, manchmal Schwerstarbeit", so Leopold Wimmer. Schließlich seien die Betreuer oft Frauen und die wenigsten Betreuten klein und leicht.

Simon Leicht, Geschäftsführer der BZ Aschau GmbH. Foto: Gabriele Heigl
"Wir wollen die Kollekte für Anschaffungen einsetzen, die unseren Betreuten besser an die Welt anbinden. Das kann auch ein Sprachcomputer sein, der den NutzerInnen erst den Zugang zu Informationen ermöglicht."

Zum Glück gibt es zahlreiche technische Hilfsmittel, die es ermöglichen, Behinderungen auszugleichen. "Manchmal hilft schon ein Stück Klebeband, um den Tischtennisschläger eigenständig halten zu können", so Wimmer. Aber viele Geräte seien sehr teuer. Fahrzeuge für den Transport von Rollstuhlfahrern, mobile Rampen zur Überwindung von Schwellen oder Stufen, geländegängige Buggys mit extra breiten Reifen und Federung für Fahrten in unebenem Gelände, Hebevorrichtungen und viele andere nützliche Dinge. "Mein Wunsch ist es, dass wir die Geräte, die wir durch die Kollekte am 1. Advent erwerben können, auch dort einsetzen können, wo die von uns Betreuten am meisten davon haben: im Freizeitbereich", so Wimmer, "damit Teilhabe einfacher möglich wird".

Text: Gabriele Heigl, KJF-Pressesprecherin, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, 089-74647-128


Das Behandlungszentrum Aschau

 

Die Glasfronten im Gebäude der Kinderorthopädie ermöglichen Ausblicke in die Voralpenlandschaft. Fotos: Gabriele Heigl

Die Behandlungszentrum (BZ) Aschau GmbH unter der Trägerschaft der KJF München vereint die Orthopädische Kinderklinik Aschau und ein differenziertes schulisch, medizinisch-therapeutisch und heilpädagogisch aufeinander abgestimmtes Förderangebot für Kinder und Jugendliche mit körperlicher, geistiger und mehrfacher Behinderung in den heilpädagogischen Zentren in Aschau, Piding und Ruhpolding. Für Kinder bis zum Schuleintritt bieten die Frühförderstellen Traunstein, Wasserburg und Berchtesgadener Land interdisziplinäre Förderangebote an. Über 120 Mitarbeitende kümmern sich um das Wohl der PatientInnen und Betreuten.

Die kinderorthopädische Klinik im BZ Aschau ist eine der größten Fachkliniken für Kinderorthopädie Mitteleuropas und bedeutende Anlaufstelle bei der Diagnostik und Therapie von angeborenen und erworbenen Fehlbildungen der Extremitäten, von Störungen des Bewegungsapparates sowie von neuroorthopädischen Erkrankungen. Die jungen PatientInnen kommen aus 34 verschiedenen Nationen. Das Alter der Betreuten reicht von 0 bis 20 Jahren, teils beginnt die Behandlung schon pränatal. Teil der Einrichtung sind Krippe, Kindergarten, Schule, Tagesstätte und Wohnheim.

Ein früherer Patient erzählt

"Aschau war die Rettung für mich"

Anfang der 1950er Jahre war Josef Guggemos als kleiner Bub in Behandlung im Betreuungszentrum Aschau. Jetzt fuhr er in diesem Sommer nach vielen Jahren wieder dorthin.  Er hat schlimme wie schöne Erinnerungen an die Zeit.
Zur Person
Josef Guggemos (73) stammt aus dem Dorf Wald südlich von Marktoberdorf. Seine Eltern bewirtschafteten dort einen Hof. Josef hatte noch drei Geschwister. In den Jahren 1949 bis 1951 und 1952 bis 1954 war er als kleiner Junge Patient im Behandlungszentrum Aschau. Den Sport, auf den er in seiner Kindheit verzichten musste, hat der gelernte Großhandelskaufmann später nachgeholt, unter anderem beim Ski- und Fahrradfahren. Josef Guggemos hat Frau und zwei Töchter und lebt noch immer in Wald im Allgäu.
Herr Guggemos, wann und warum kamen Sie das erste Mal nach Aschau?
Josef Guggemos: Mit drei Jahren, also 1949, kam ich für meine Erkrankung relativ spät in die damalige „orthopädische Kinderheilstätte Aschau“. Ich war an Knochen-Tuberkulose erkrankt, die meine Wirbelsäule erfasst hatte. Irgendwann waren die Schmerzen so schlimm, dass sich meine Eltern überwinden konnten, mich zur Behandlung so weit fort zu schicken.

Wie waren die Symptome und die Behandlung damals?

Die Knochen meiner Brustwirbelsäule waren durch die Krankheit teilweise bereits abgebaut, und man versuchte, die Wirbelsäule zu stabilisieren. Durch die Operation wollte man eine gewisse Fixierung und Entlastung im Rücken erreichen. Dem damaligen Chefarzt Dr. Helfmeyer war dies großartig gelungen, und ich bin dadurch wohl knapp dem Rollstuhl entkommen. Allerdings war es schrecklich, so lange Zeit in einem Ganzkörper-Korsett festzustecken. 

Welche Erinnerungen haben Sie an die Pflegerinnen und Pfleger?

Die damaligen Ordensschwestern sind mir ganz besonders liebenswürdig in Erinnerung geblieben. Sie stellten die Bezugspersonen für mich dar, bei denen ich mich aufgehoben fühlte. In der Nachkriegszeit mit etwa 30 Kindern in einem Schlafsaal waren sie zwar streng, aber auch mütterlich, besonders Schwester „Betzi“. Insgesamt war ich bis zu meinem siebten Lebensjahr drei Jahre in Aschau.

Wie lange dauerte Ihre Behandlung in Aschau, und wie ging es anschließend weiter?

1954 war die Behandlung inklusive langwieriger Liegezeiten in Aschau abgeschlossen, und ich wurde zuhause weiter behandelt. Das Stützkorsett musste ich noch weitere vier Jahre tagsüber tragen, und nachts musste ich im Gipsbett liegen. In den ersten Schulklassen versäumte ich einigen Schulstoff. In der Krankenakte kann man nachlesen, dass der Schulbesuch auf maximal zwei Stunden am Tag begrenzt werden musste.

Wie kam es zu Ihrem aktuellen Besuch im Behandlungszentrum Aschau?

Nach vielen Jahren wagte ich zusammen mit einer lieben Freundin den Schritt, die erlebte Zeit in der Klinik noch einmal Revue passieren zu lassen. Dies war doch eine ganz besondere emotionale Erfahrung; man denkt, es ist schon lange vorbei und vergessen – doch dann kommen Erinnerungen zutage. An Schmerzen erinnere ich mich eher weniger, aber an das ständige Eingesperrtsein und Eingepresstsein im Gipsbett - das war das Belastende, das seine Spuren auf meiner Seele hinterlassen hat.

Was empfinden Sie im Rückblick auf die Zeit in Aschau?

Ich bin sehr dankbar, dass ich in dieser tollen Einrichtung behandelt wurde. Man hat mich mit ziemlicher Sicherheit vor dem Rollstuhl bewahrt. Ich konnte einen Beruf erlernen, der mir Spaß gemacht hat, und ich hatte ein sehr erfülltes Leben.

Interview: Anja Maier, Öffentlichkeitsarbeit Betreuungszentrum Aschau GmbH