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Ehemalige Heimkinder

Teilweise gelungen:

Versuch einer Wiedergutmachung für unermessliches Leid

Neun Jahre lang hat die Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder in Bayern ihre Arbeit getan. Nun liegt der Abschlussbericht vor. Dafür wurde auch eine Evaluationsstudie eines unabhängigen Instituts erstellt. Das Fazit: Den Betroffenen konnte viel von ihrer Würde zurückgegeben werden, aber die Arbeit ist noch nicht komplett getan.

Professor Manfred Kappeler (rechts) bei seinem Vortrag am 29. November 2018 in der Evangelischen Akademie Tutzing, anlässlich der Ehrung für die Beiratsmitglieder der Regionalen Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder in Bayern. In der Bildmitte: KJF-Vorstandsvorsitzender Bartholomäus Brieller. Foto: Haist/eat archiv

 

"Je nachdem, was Sie für ein Typ Mensch sind, auch aus welchem Stall Sie kommen, sind Sie in der Lage, aus dieser Kacksituation noch das Beste zu machen und mit Anstand und Charakter durchs Leben zu gehen. Das ist sehr wichtig, dass Sie das machen, weil Sie sonst verloren sind. Und da gebe ich mir alle Mühe. Ich weiß, dass die Masse dazu nicht in der Lage ist. Aber das, was ich hier versuche, wo ich mir sage, bleib anständig, halte deinen Charakter und gehe mit Verantwortung weiter, das kostet Sie viel, viel, viel Kraft." (Frau, geboren in den 1940er Jahre)


Beeindruckende, tapfere Worte eines ehemaligen Heimkindes, das noch heute unter den Folgen seiner Zeit im Heim in den 1950er Jahren leidet und um ein würdiges Leben kämpft. Und leider ein Fall, den es in Deutschland zu Tausenden gibt. Lange Zeit versuchten diese Menschen allein ihren Kampf zu kämpfen, bis schließlich Ende der Nullerjahre mehrere Petitionen ehemaliger Heimkinder Erfolg im Deutschen Bundestag hatten. Ein "Runder Tisch Heimkinder" wurde eingesetzt. Dieser empfahl als rehabilitative Maßnahmen für die Betroffenen die Einrichtung regionaler Anlauf- und Beratungsstellen (ABS) und finanzielle Hilfen. Dabei ging es um Rentenansprüche und Hilfebedarfe aufgrund von Schädigungsfolgen aus der Heimerziehung.

 

Kerstin Schreyer, Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales (links)
und Brigitte Molnar, Betroffene und Autorin. Foto: Haist/eat



In Bayern wurde unter der Regie des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales die regionale Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder in Bayern zum 1. Januar 2012 eingerichtet. Die Trägerschaft übernahm das Zentrum Bayern Familie und Soziales – Bayerisches Landesjugendamt. Zum 31. Dezember 2018 beendete die ABS ihre Arbeit in der bestehenden Form. Nun liegt der Abschlussbericht vor.

34 Millionen Euro konnten an ehemalige Heimkinder ausgezahlt werden


In den neun Jahren hatte die bayerische Anlaufstelle Kontakt zu mehr als 3000 ehemaligen Heimkindern. Es wurden über 3.600 Vereinbarungen für Sachleistungen im Wert von insgesamt rund 25 Millionen Euro und fast 1.400 Vereinbarungen Rentenersatzleistungen im Wert von gut 9 Millionen Euro von den BeraterInnen eingereicht. Insgesamt wurden damit rund 34 Millionen Euro an ehemalige Heimkinder in Bayern ausgezahlt.


Im Mittelpunkt des Abschlussberichts stehen aber nicht Zahlen, sondern das unermessliche Leid und die tiefe Traumatisierung der ehemaligen Heimkinder in den 1950er bis 1970er Jahren: massive Gewalttätigkeiten, sexuelle Übergriffe durch das Erziehungspersonal, unmenschliche Strafen, Arreste, Demütigungen, Kontaktsperren, Briefzensur, religiöse Zwänge, erzwungene Arbeit, körperliche Züchtigungen.


Erfahrungsbericht von Margit Schäfer, eine Betroffene und Nutzerin der Anlaufstelle
"Mit einem Mal wurde ich mit der Heim-Zeit konfrontiert, wurde ich katapultiert in die turbulente Vergangenheit, deren Schatten gezielt immer wieder - zwar im Verborgenen, unausgesprochen - die Emotionen der Gegenwart treffen. Doch diesmal darf ich darüber sprechen, es wird verständnisvoll zugehört. Denn das Rückwärtsreiten der Gedanken hat einen anderen Aspekt: auf einmal Geld zu bekommen, als Wiedergutmachung, irreparable Verletzungen, die zwar vernarbt sind, aber schmerzhafte Triggerpunkte bleiben. Neugierig begab ich mich zur Anlauf- und Beratungsstelle. Eine nette Dame hieß mich willkommen und schenkte mir etwas, das in der Alltagshektik zu kurz kommt: Zeit, Vertrauen, Freundlichkeit - lobenswert. Wenn mich später Fragen einholten, bekam ich stets Auskunft. Wenn sie bei Abwesenheit nicht erreichbar war, war der Rückruf garantiert, jeder Brief wurde beantwortet.Negativum: Ich musste in Vorkasse gehen, das Geld wurde erst ausgezahlt, als ich den Nachweis erbrachte. Ich brauchte einen Kredit und musste das Konto überziehen. Geduldig zu warten lohnte sich: Das Geld wurde bezahlt, sogar eine Rentennachzahlung kam. Ich zweifelte bis zuletzt, ob ich wirklich den ganzen Betrag erhalten würde (viele schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit). Positiv: Ich konnte Möbel kaufen (nicht gebrauchte), mir gemeinsam mit meiner Tochter eine Urlaubsreise gönnen, Wellnesstage buchen, Besinnungstage im Kloster verbringen, Laptop, eine Kühl-/Gefrierschrank-Kombination etc. anschaffen, Weiterbildungen finanzieren, naturmedizinische Produkte erwerben, im Bio-Laden einkaufen usw., aber auch Kleidung (nicht die billigste). Als Naturführerin investiere ich gerne in Ökoprodukte bzw. in Alternativmedizin. Im Nachhinein kann ich nur „DANKE“ sagen. Wunden lassen sich materiell nicht heilen, doch schöne Dinge, die der Seele guttun, werfen Licht auf dunkle Erinnerungen. Ein Tropfen auf den heißen Stein - aber ein wirksamer."


Es war ein wichtiges Ziel der Anlaufstelle, nicht nur die Vorgaben des "Runden Tisches Heimerziehung" formell umzusetzen. Den KlientInnen sollte auch der notwendige Raum und die benötigte Zeit schaffen werden, ihrem Leid Gehör und Aufmerksamkeit zu schenken und so eine Aufarbeitung zu ermöglichen. Wie sehr dies gelungen ist, kann nur an den Reaktionen Einzelner und aufgrund eigener Beobachtungen eingeschätzt werden. Da dies aber naturgemäß eine sehr subjektive Bewertung ist, wurde ein unabhängiges Institut beauftragt, die Zufriedenheit der KlientInnen zu bewerten. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Ziele weitgehend erreicht werden konnten (siehe Info-Text unten)


Dankbar für das ehrliche Interesse


Denn die überwiegende Anzahl der befragten ehemaligen Heimkinder äußerte sich positiv über die Arbeit der ABS. Insbesondere die Sensibilität und das Einfühlungsvermögen der MitarbeiterInnen wurden immer wieder gelobt. Deren Menschlichkeit und ehrliches Interesse sorgten auf Seiten der ehemaligen Heimkinder oft für ein unerwartetes Gefühl des Anerkannt-Werdens.


Dennoch sieht das Institut weiteren Handlungsbedarf und empfiehlt:

  • Es sollte auch weiterhin ein Beratungs- und Unterstützungsangebot für die Betroffenen geben.
  • Zudem sollten weiter finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden, deren Auszahlung niedrigschwellig, unbürokratisch und zeitnah erfolgen soll.
  • Künftig sollte der Fokus auch auf die Altenpflege und Altenhilfe bei den ehemaligen Heimkindern gelegt werden. Gefühle der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins sollten vermieden werden.
  • Die Erkenntnisse aus der Analyse der Heimerziehung der 1950er und 1960er Jahre sollten auch in der gegenwärtigen stationären Kinder- und Jugendhilfe Berücksichtigung finden.
  • Sowohl in der stationären Kinder- und Jugendhilfe als auch in den Jugendämtern und Heimaufsichten sollte die Personalausstattung so beschaffen sein, dass Überforderungen vermieden werden.
Bericht: Gabriele Heigl, KJF-Pressesprecherin

 

Hohe Beteiligung der ehemaligen Heimkinder

Mit einer externen Studie wurde die Arbeit der Anlauf- und Beratungsstelle bewertet

Um einerseits die Arbeit der Anlauf- und Beratungsstelle (ABS) zu evaluieren und andererseits die Biografien der ehemaligen Heimkinder und der Auswirkungen des Heimaufenthaltes auf deren weiteren Lebensweg zu dokumentieren, wurde vom Zentrum Bayern Familie und Soziales – Bayerisches Landesjugendamt eine Studie beim Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in Auftrag gegeben: "Heimkinder zwischen 1949 und 1975 und die Beratungs- und Unterstützungsarbeit der bayerischen Anlaufstelle", finanziert aus Mitteln des Fonds Heimerziehung.

 

Die Untersuchung ermöglicht vielfältige und umfassende Einsichten in die Lebensbedingungen in bayerischen Kinder- und Jugendheimen dieser Jahre. Außerdem wurde erfasst, welche Folgen die Sozialisation im Heim für die ehemaligen Heimkinder im weiteren Lebenslauf hat und wie die Beratungs- und Unterstützungsleistung der ABS von den NutzerInnen erlebt wurde.

 

Dazu wurden Fragebögen an die Betroffenen geschickt, Interviews und Gruppendiskussionen mit ihnen durchgeführt, und auch BeraterInnen und ExpertInnen befragt. Von 952 Fragebögen wurden 431 ausgefüllt zurückgeschickt, was einer erfreulich hohen Rücklaufquote von über 45 Prozent entspricht. Unter den Befragten finden sich 53,5 Prozent Frauen und 46,5 Prozent Männer. 25 Prozent sind ohne Ausbildung geblieben, 40 Prozent leben als Single, 20 Prozent erhalten Leistungen aus dem Transfersystem (Hartz IV, Aufstocker etc.), 45 Prozent erhalten Rente. Die Interviews wurden mit insgesamt 66 Personen geführt, 42 ehemalige Heimkinder, 11 BeraterInnen und 13 ExpertInnen.

Bericht: Gabriele Heigl, KJF-Pressesprecherin

Heim und Heimat.
Vier Portraits von ehemaligen Heimkindern in Wort und Bild

lautet der Titel eines Buches, das vom
Zentrum Bayern Familie und Soziales - Bayerisches Landesjugendamt
herausgegeben wurde. Es erschien im November 2018.
Foto: KJF/Gabriele Heigl